Neues vom Wein-Globetrotter
Weinproben an besonderen Orten
Zunehmend gilt es unter Weinfreunden als chic, dem Weingenuss nicht mehr einfach zu Hause oder in einem guten Restaurant zu frönen, sondern die Flasche eigens an gänzlich ungewöhnlichen Orten zu entkorken. Vielerorts werden "Wein-Events" angeboten, die zuweilen schillernde Blüten treiben und sich überdies regen Zulaufs erfreuen.
Kürzlich machte mich beispielsweise ein Freund auf das Angebot einer fränkischen Winzergenossenschaft aufmerksam. Für 349 Euro pro Person könne man ein Genießerwochenende in Bayern verbringen - der
Höhepunkt: eine Top-Weinprobe auf dem Gipfel der Zugspitze! Ob der Wein in luftiger Höhe anders schmeckt, als bei Normal Null? Offen gesagt habe ich es noch nicht ausprobiert, ebenso wenig wie eine "Bioweinprobe in der Straßenbahn". Das ist die Offerte eines Münchener Veranstalters, der vorsorglich versichert, zwischendurch würden selbstverständlich auch drei "Pinkel- und Rauchpausen" eingelegt. Na dann Prost! Hoffentlich schwappt der gute Tropfen in der rumpelnden Tram nicht über. Den Vogel schießt eine Eventagentur aus dem Hessischen ab, die doch tatsächlich eine "Weinprobe im Brückenpfeiler" bewirbt - stilecht mit Blick auf Vater Rhein.
Wem es gefällt, der mag solche Angebote gern wahrnehmen. Aber eigentlich ist es gar nicht nötig, eine Event-Agentur zu bemühen. Ausgefallene und zuweilen magische Orte für das Erlebnis Wein gibt es in Hülle und Fülle. Manchmal entdeckt man sie per Zufall entlang der Reiseroute, manchmal kann man sie direkt beim Winzer finden.
Crémant in den Katakomben von Bailly
Vielleicht können Sie in Ihrem nächsten Frankreichurlaub einen Abstecher zu den Caves de Bailly machen. Mir bleibt jedenfalls mein erster Besuch bei der burgundischen Genossenschaft unvergesslich! Die
Kooperative, die sich auf Spitzenschaumweine spezialisiert hat, hat ihren Sitz in Saint-Brix-les-Vineux unweit von Auxerre. Früher wurden dort Kalksteine für den Bau der Patrizierhäuser von Paris gefördert. Heute erinnert daran nur noch ein aufgelassenes Bergwerk mit weitverzweigten Tunnel- und Stollensystem. Genau dieses wählten die Caves de Bailly als Domizil ihrer Kellerei. Schon die Zufahrt ist beeindruckend. Ein gewaltiges eisernes Tor ist direkt in den Berg eingelassen und schwebt fast lautlos zur Seite, um den Weg ins Innere freizugeben. Sie können hier kurzerhand in den Berg hineinfahren, um Ihr Fahrzeug nach etwa 100 Metern vor einer unterirdischen Vinothek zu parken. Jetzt brauchen Sie nur noch zu wählen, ob Sie sofort ein Glas Crémant probieren möchten oder nicht doch zunächst die hochinteressante Führung durch den Berg wählen. Was Sie dort zu sehen bekommen, ist eine Mischung aus Kultur und traditioneller, handwerklich erstklassiger Weinmacherkunst.
Der Crémant de Bourgogne, der hier in Abertausenden Flaschen reift, die entlang der Gänge aufgeschichtet sind, ist ein Qualitätsschaumwein aus der Pinot-Noir-Traube, die im nördlichen Burgund aber auch in der benachbarten Champagne weit verbreitet ist. Hochspezialisierte Kellermeister bereiten aus ihr zunächst Grundweine aus unterschiedlichen Lagen, die sie nun so miteinander verschneiden, dass der Stil des Hauses auch über die unterschiedlichen Jahrgänge hinweg stets erkennbar bleibt. Die Assemblage (der Verschnitt aus den Grundweinen) wird nun abgefüllt und mit einem Zucker-Hefegemisch versehen, mithilfe dessen die zweite Gärung auf der Flasche eingeleitet wird, die die feinen Kohlensäurebläschen erzeugt. Ist sie beendet, reift der junge Crémant zunächst einige Monate lang, bevor in einem aufwändigen Verfahren, Degorgieren genannt, die noch im Wein schwebenden Hefepartikel entfernt werden. Noch einige weitere Monate ruht der Wein, und seine Kohlensäurebläschen verbinden sich zu einer harmonischen Perlage, die durch feine Fruchtaromen, Toast- und Biskuitnoten abgerundet wird.
All dies wird Ihnen auf Ihrem Rundgang durch die Keller von Bailly anschaulich erklärt. Und wenn Sie genug von den Details der Crémanterzeugung haben, widmen Sie sich zur Abwechslung der Kultur, denn die Gänge sind gesäumt von Skulpturen, die regionale Künstler direkt aus dem crèmefarbenen Kalkstein herausmodelliert haben. Alle haben einen Bezug zum Wein, stellen Trauben dar und überschäumende Flaschen. Aber auch ein Boot, das Weinfässer über die Yonne transportiert, ist zu sehen. Nach so viel Besichtigung und Information ist es jetzt aber wirklich Zeit für eine genussreiche Probe.
Nicht jeder hat das Glück, hier unten ein komplettes Menü zu genießen. Aber wer es erlebt, wird es nicht vergessen. In einem eigens hergerichteten, wohltemperiertem Raum werden Wachteleier, Fisch und Meeresfrüchte mit einer Reihe perfekt darauf abgestimmter Crémants - die ältesten sind 20 Jahre alt! - gereicht. So können Sie den Tag ganz entspannt ausklingen lassen und sich schon auf die nächsten spannenden Weinerlebnisse freuen, seien sie im Burgund oder in einer anderen faszinierenden Weinbauregion.
Highlight mit Heida
Manchmal finden Sie den perfekten Ort für Ihre Weinprobe per Zufall. Die einen lassen sich spontan unter schattenspendenden Platanen eines provenzalischen Dorfes nieder und genießen Saucissons, Käse und
kalten Rosé, während sie alten Männern beim Pétanque-Spiel zuschauen. Die anderen packen am Strand eine Flasche Rotwein aus und genießen den Sonnenuntergang.
Einen besonders spektakulären Ort für Weingenuss hatten wir Herrn Oerli zu verdanken. Herr Oerli war unser Busfahrer. Sicher, routiniert und vor allem pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk, hatte er uns, eine internationale Gruppe von Weinakademikern, durch die Schweiz chauffiert. Über steile, enge Straßen fand er geschickt seinen Weg zu entlegenen, gleichwohl elitären Weingütern in Graubünden sowie zu sonnigen Rotweinlagen im Tessin. An diesem Morgen stand die Weiterreise ins Wallis an. Bereits beim Frühstück sahen wir Herrn Oerli konzentriert über Karten gebeugt und mit dem Handy am Ohr. Irgendwie hatte es den Anschein, als wolle er jetzt keinesfalls gestört werden.
Später im Bus erfuhren wir den Grund: "Es ist mir heute morgen gelungen", begrüßte er uns mit vornehm verhaltenem Stolz, "Ihnen den Weg über den Nufenen-Pass anbieten zu können. Die Behörden haben die Route heute erstmals in diesem Jahr wieder freigegeben."
Flott ging die Fahrt vorbei am grün schimmernden Lago di Lugano, dann nahmen wir Kurs auf die Passstraße. Peu à peu wich die frühlingshaft blühende Landschaft dem satten Dunkelgrün dichter Nadelwälder, bevor sich der Bewuchs lichtete und schließlich ganz einer kargen Hochgebirgslandschaft wich. Sie lag selbst jetzt, Mitte Mai, noch unter einer dicken Schneedecke. Mal gleichmäßig rollend, mal bremsend erklomm Herr Oerli die Serpentinen, bevor wir an der noch verwaisten Bergstation auf dem Scheitelpunkt der Strecke anhielten.
Wir stapften durch den Schnee, während unser Schweizer Kollege Urs zur allgemeinen Begeisterung eine Kiste Gläser aus dem Kofferraum und einen kalten Weißwein aus dem Bordkühlschrank zutage förderte. Er schenkte uns einen Schweizer Kultwein ein, einen 2009er Heida, den die Walliser St.-Jodern-Kellerei in Visperterminen anbaut. "Mit ihren auf einer Höhe zwischen 650 und 1150 Metern gelegenen Weingärten nennt das Dorf Visperterminen den höchsten Weinberg Europas sein Eigen", berichtet Urs. "Terrassierte, von Trockensteinmauern eingerahmte Parzellen erweisen sich als exzellente Wärmespeicher und bieten der uralten Rebsorte Heida, einem Abkömmling des Traminers, gute Wachstumsbedingungen."
Über uns kreiste ein Raubvogel. Vis à vis tat sich ein Bergmassiv mit zackigen Gipfeln auf. Derweil schnupperten wir andächtig an unseren Gläsern. Unser Wein erwies sich als ausgesprochen angenehm: Mit vollem Körper und fruchtig- knackiger Säure passte er irgendwie zur bissigen Kälte auf dem verschneiten Pass. Wir genossen es, wie der Heida seine Zitrusaromen über unsere Zungen tanzen ließ, und vergaßen trotz frühlingshaft dünner Kleidung sogar zu frösteln. Gelöst war die Stimmung und groß die Vorfreude, als wir unsere kleine improvisierte Weinprobe im Hochgebirge beendeten um unsere Weiterfahrt in Richtung auf den Walliser Bergweinbau aufzunehmen.
"Country & Western and a lot of wine"
Fast alle Weinfreunde, die eine Urlaubsreise nach Kalifornien unternehmen, planen auch den Besuch der einen oder anderen Winery ein. Zu Recht! Denn ganz gleich, ob in Napa, Sonoma, Mendocino oder anderswo,
landauf, landab lassen sich traumhafte Weingüter entdecken, die architektonisch zum Teil spektakulär, in punkto Weinqualität sensationell und bei alledem auch noch außerordentlich gastfreundlich sind.
Aber das Highlight einer Weintour durch den Golden State ist ein zünftiges Country-Fest! In vielen Regionen finden sich zwischen Mai und Oktober zahlreiche Events wie zum Beispiel die Sonoma County Harvest Fair in Santa Rosa oder das Annual Carneros Heritage Fest, das ich vor einigen Jahren besuchte und das mir in besonders schöner Erinnerung geblieben ist.
Rustikal geht es bei solchen Festen zu und wunderbar unkompliziert: Auf einem Stoppelacker sind Zelte zu einem weitläufigen Viereck aufgebaut: Kunsthandwerk, und kulinarische Köstlichkeiten der Region werden hier in Hülle und Fülle angeboten. Manchmal ist auch eine Showkitchen dabei, in der einheimische Chefs das Publikum verwöhnen und begeisterten. Dazu wird natürlich ausgiebig Wein verkostet. In Carneros spielte der Pinot Noir die Hauptrolle, genießt er doch im kühlen Klima dieser Region ein gutes Umfeld, um optimal zu reifen und aromatisch komplexe sowie sehr elegante Rotweine hervorzubringen.
Wenn Sie ein solches Country-Fest in vollen Zügen zu genießen wollen, dann lassen Sie sich doch einfach mit einem Glas Wein auf einem Strohballen nieder. Beobachten Sie das Cowboy-behütete Publikum, und lauschen Sie der Country-Musik, die von der nahen Bühne herüberschallt. Es duftet nach Lamm vom Grill, und über allem wölbt sich ein hoher Himmel mit Schäfchenwolken. Schlendern Sie ein wenig umher, vielleicht haben Sie Spaß daran, der Vorstellung der Hirtenhunde zuzuschauen, die auf einem abgesteckten Areal ihre Schafherde zusammentreiben. Genießen Sie den "Californian Way of Life", bevor Sie, erfüllt mit wunderbaren Erinnerungen, die Weiterreise antreten. Wer eine Wine & Food Tour durch Kalifornien unternehmen will, kommt am besten zwischen März und Anfang November ins Land, denn während des Winters herrscht oft "Regenzeit", die den Aufenthalt ungemütlich machen kann. Besonders schön ist die zweite Oktoberhälfte: Es ist trocken, die Luft ist sehr klar, und die die Blätter der Weinstöcke leuchten in den schönsten rötlich-goldenen Farben.
Wohin auch immer Ihre nächste Urlaubsreise Sie führen wird, sei es in die weite Welt oder in die Pfalz, ich wünsche Ihnen viele entspannte und genussreiche Weinerlebnisse!
Auf Ihr Wohl!
Ihr Wein-Globetrotter
Dr. Rolf Lange

