Weinland Deutschland Teil 3:
Rheinhessen, Pfalz, Baden

Der dritte Teil unserer Reihe über das Weinland Deutschland führt Sie in die drei größten Anbaugebiete. Entdecken Sie die faszinierende Vielfalt der Weinlandschaften in Rheinhessen, der Pfalz und Baden. Und wenn die Lektüre Ihre Sehnsucht nach feinen deutschen Weinen geweckt hat, empfehlen wir Ihnen unser Seminar "Weinland Deutschland".

 

Rheinhessen: Liebe auf den dritten Blick

Das weitläufige Rebland zwischen Bingen, Mainz, Alzey und Worms hat am Absatz deutscher Qualitätsweine den größten Anteil. Dennoch ist es etlichen Weinfreunden viel zu wenig bekannt, was auch daran liegt, dass Rheinhessen seit jeher Durchgangsland war. Im Laufe der Jahrtausende waren immer wieder Heere durch das Land gezogen, nicht zuletzt die Truppen Napoleons, die raschen Schrittes die Heerstraße von Mainz nach Kaiserlautern und weiter gen Paris passierten. Heute durchqueren drei Autobahnen das Land. Nur jene, die die schnellen Routen verlassen, kommen in den Genuss einer lieblichen Landschaft, die ungeahnten Zauber hat. Wer sich die Mühe macht, sie zu entdecken, trifft auf ein Weinland mit viel Kultur und Tradition. Kurz: Rheinhessen ist Liebe auf den dritten Blick.

Dank erheblich gesteigerter Weinqualität sind Ausflüge in Deutschlands größtes Anbaugebiet in den letzten zwei Jahrzehnten noch reizvoller geworden. Galt Rheinhessen bis dato als Heimat des lieblichen und ebenso schlichten Markenweins "Liebfraumilch", der vor allem die Herzen vieler amerikanischer Weinfreunde höher schlagen ließ, so erforderten der Wertverlust des Dollars und die sinkende Nachfrage jenseits des Atlantiks ein Umdenken der Winzer und Weinmacher. Ein erster, vielversprechender Ansatz war der kurz "RS" genannte Rheinhessen-Silvaner, der mit seinem erdig-trockenen Geschmacksprofil die Abkehr vom Image als Lieferant lieblicher Tropfen einläutete. Die Konzentration auf den Silvaner war sinnvoll, denn die Rebe war und ist in der Region nicht nur weit verbreitet, sondern verfügt auch über ein beträchtliches Qualitätspotenzial. Nicht umsonst gelten Silvaner als ausgezeichnete Begleiter der gehobenen Küche. Beflügelt durch den Erfolg des "RS" folgte bald ein zweiter Schritt: Mit der "Selection Rheinhessen" wurde eine neue Qualitätskategorie aus der Taufe gehoben, die nur Weinen aus sieben klassischen Rebsorten vorbehalten ist, deren Anbau strengen Richtlinien unterliegt.

Wer die stilistische Vielfalt des Rheinhessen-Weins ergründen will, konzentriert sich am besten auf vier Regionen. Im Norden des Anbaugebiets erstreckt sich zwischen Bingen und Mainz eine überwiegend von Kalkböden geprägte Landschaft, die kernige Rieslinge voll kraftvoller Aromatik aber auch üppige Grauburgunder hervorbringt. Im Osten erstreckt sich zwischen Nackenheim, Oppenheim und Nierstein die Rheinterrasse. Steile, mit rotem Tonschiefer bedeckte Weinberge prägen das Bild und bilden die ideale Grundlage für feine Rieslinge voller Raffinesse und Eleganz. Südlich von Oppenheim gehen die Tonschieferhänge in Lößböden über. Hier beginnt das Terroir eleganter Silvaner und feiner Weißburgunder, deren an helles Obst erinnernde Frucht von einer erfrischenden Säure umspielt wird. Rund um das Städtchen Alzey im Südwesten Rheinhessens erstreckt sich sanftes Hügelland. Fossile Relikte eines prähistorischen Meeres prägen den Untergrund und ermöglichen mineralische Silvanerweine, ansprechenden Müller-Thurgau und feinfruchtige Rotweine der Sorte Portugieser. Der Süden Rheinhessens bietet mit dem Wonnegau eine äußerst fruchtbare Landschaft, die besonders Obst und Gemüse hervorragend gedeihen lässt. Für den Winzer stellen fruchtbare Böden immer eine besondere Herausforderung dar, muss er doch darauf achten, die Erträge im Zaum zu halten. Burgunderreben aber auch der rote Dornfelder bringen hier ansprechende Weine hervor.

Es gibt also viel zu entdecken in Rheinhessen. Besucher, die neben dem Weingenuss auch sportliche oder kulturellen Angebote suchen, finden eine exzellente Infrastruktur vor: Architektonisch Reizvolles bieten zum Beispiel Ingelheim mit der Kaiserpfalz und Mainz mit dem Dom St. Martin und St. Stephan. Aber der eigentliche Charme Rheinhessens entfaltet sich auf dem Land: Wer entlang der Weinberge geradelt oder gewandert ist, freut sich auf die Einkehr in einer der vielen Straußenwirtschaften oder Gutsschänken. Dass hier eine gehörige Portion Lokalkolorit zum Zuge kommt, versteht sich von selbst: So warten selbst auf erfahrene Feinschmecker noch so manche Neuentdeckungen.

 

Zum Wohl! Die Pfalz

Ebenfalls ein Big Player unter den deutschen Anbaugebieten ist die Pfalz. Mit mehr als 23.000 ha Rebfläche rangiert die Region auf Platz 2. Aber die Bedeutung der Pfalz bemisst sich nicht allein an ihrer Größe. Bereits Anfang des 20.Jahrhunderts gewann das einstmals entlegene, von der Reichshauptstadt Berlin himmelweit entfernte Gebiet rapide an Popularität, als findige Werbestrategen auf die geniale Idee kamen, die "Deutsche Weinstraße" einzurichten. Sie war die erste ihrer Art und führt noch heute von Bockenheim im Norden über Neustadt und Bad Bergzabern bis zur deutsch-französischen Grenze bei Schweigen. Im Schutz des Pfälzer Waldes gedeihen dort nicht nur die Reben vortrefflich. Auch Feigen, Tabak und selbst Zitrusfrüchte sind anzutreffen. Bald schon sprach sich herum, dass, wenn der Norden Deutschlands noch unter einer geschlossenen Schneedecke lag, an der Weinstraße bereits Frühlingsgefühle ausbrachen. So fanden sich zunehmend Besucher ein, die entlang wogender Weingärten wanderten, in urigen Winzerhöfen einkehrten und so manchen Schoppen genossen.

Doch das Bild der gemütlich schunkelnden Weinprovinz greift zu kurz. Seit Jahren geben in der Pfalz Spitzenweingüter, ambitionierte Genossenschaften und hoch dekorierte Gastonomen den Ton an. Waren es zunächst die Weingüter Müller-Catoir, Bassermann-Jordan, Biffar und andere, die sich mit ausdrucksstarken Rieslingen in der internationalen Spitze etablierten, so folgten bald jüngere Winzer wie etwa Markus Pfaffmann in Walsheim, die nicht nur mit blitzsauberen Rieslingen überzeugten, sondern auch herrliche Burgunder präsentierten.

Die Hinwendung zur Qualität wird auch deutlich, wenn man auf die Verteilung der Rebsorten blickt. Der hochfeine Riesling bedeckt mittlerweile mehr als ein Fünftel der Rebfläche und steht auf Platz 1. Die besten Rieslinge kommen aus der Region zwischen Herxheim und Neustadt. Rieslinge aus Kallstadt, Wachenheim, Forst, Deidesheim und Ruppertsberg sind in aller Welt bekannt. An zweiter Stelle rangiert der einfachere Müller-Thurgau, der ordentliche Weine auf Alltagsniveau hervorbringt. Zunehmend wichtig werden in der Pfalz die Burgunderreben. Grau- und Weißburgunder sind bei Weinfreunden weit über das Anbaugebiet hinaus sehr beliebt. Bedauerlich ist, dass die Scheurebe, eine qualitativ beachtliche Neuzüchtung, die der sehr aromatischen Sauvignon-Blanc-Traube ähnelt, nur eine Nebenrolle spielt.

Im Rotweinbereich spielt nach wie vor der Dornfelder die erste Geige, gefolgt vom Portugieser. Beide repräsentieren ordentliche Qualitäten, sind jedoch von der Klasse der besten pfälzischen Spätburgunder, die mengenmäßig den dritten Platz einnehmen, deutlich entfernt.

Ein Geheimtipp ist die Pfalz für die meisten Weinfreunde beileibe nicht mehr. Mit ihrer landschaftlichen Schönheit, kulturellem Reichtum und attraktiver Küche lockt sie jährlich zahllose Urlauber und Ausflügler an. Wer die Pfalz einmal von einer anderen Warte aus betrachten will, der kann auf den Spuren des Heiligen Jakobus wandeln. Per pedes oder per pedale kann man den Pfälzer Jakobsweg auf gut erschlossenen Routen mit allen Sinnen erleben. Besonders reizvoll ist die Route von Speyer über Germersheim und Bad Bergzabern bis hin zum Kloster Hornbach.

 

Baden: Ein Wein-Universum

Keines der deutschen Anbaugebiete ist vielfältiger als Baden. Lockt im Norden die herrliche Flusslandschaft des Taubertals, brilliert 300 Kilometer weiter südlich der Bodensee mit traumhaftem Alpenpanorama. Heidelberg bezaubert mit Kultur und anmutig gewelltem Hügelland, während der Kaiserstuhl als imposant über dem Rheintal thronendes Massiv beeindruckt.

Wie Perlen an einer Kette reihen sich auf einer Ausdehnung von 400 Kilometern renommierte Weinregionen aneinander. Eine jede ist durch eigene Böden geprägt. Gut erwärmende Moränenschotter am Bodensee, Muschelkalk im Kraichgau, vulkanisches Gestein am Kaiserstuhl, um nur einige zu nennen, bringen eine Vielzahl unterschiedlichster Weinstile hervor. Das Klima tut ein Übriges. Während das nördlich gelegene Tauberfranken zu den kühleren Subregionen zählt, beherbergt der Kaiserstuhl nachweislich den heißesten Flecken Deutschlands. Kein Wunder also, dass in Baden eine große Bandbreite unterschiedlichster Weinstile entsteht.

Gutedel par excellence: Im Markgräflerland, zwischen Freiburg und Basel gelegen, hat sich im Lauf der letzten beiden Jahrhunderte mit dem Gutedel eine Rebsorte etabliert, die auch in der benachbarten Schweiz von großer Bedeutung ist. Leicht und verspielt, tanzen die besten von ihnen wie ein frischer Gebirgsbach über die Zunge.

Burgunder-Eldorado Kaiserstuhl: Das vornehmlich warme Klima fördert besonders das Wachstum der Burgunder-Sorten. Besonders in Südbaden entstehen samtige Spätburgunder voll komplexer Frucht und Kraft. Wenn sie im Barriquefass gereift sind, ergeben sie höchst niveauvolle Rotweine. Körperreiche Grauburgunder und elegante Weißburgunder präsentieren sich als exzellente weiße Tischbegleiter und zählen deutschlandweit zu den besten ihrer Art.

Blumen und Reben - die Ortenau: Zwischen Lahr und Baden-Baden wandelt sich die Weinszene. Herrschen im Südteil noch die Burgunderreben vor, so beginnt weiter nördlich die Vorherrschaft des edlen Rieslings. In schmalen Tälern und terrassierten Hängen findet er gute Wachstumsbedingungen. Neben den Reben finden sich in der Ortenau Blumen und Obst in Hülle und Fülle.

Reiches Bauernland - der Kraichgau: Im sanft gewellten, zwischen Schwarz- und Odenwald eingebetteten Kraichgau konkurriert der Weinbau noch vielerorts mit dem Anbau von Gemüse und anderen Feldfrüchten. Die Sortenvielfalt ist hier groß: Neben Grau- und Weißburgunder sowie Riesling finden sich die roten Lemberger, Schwarzriesling und Portugieser, die gut zur deftigen regionalen Küche, zum Beispiel dem Schwartenmagen, einem "Verwandten" des Pfälzer Saumagens, passen.

So unterschiedlich sich die badischen Regionen präsentieren, eines ist ihnen gemeinsam: Sie sind "von der Sonne verwöhnt", wie der einprägsame Slogan der badischen Winzer unterstreicht. Nicht von ungefähr fiel die Entscheidung, das gesamte Anbaugebiet als einzige deutsche Weinregion der EU-Anbauzone "B" zuzuordnen. Die Weine müssen dort höhere Oechslegrade aufweisen als anderswo in Deutschland. Hieraus resultieren körperreichere und fülligere Stile. Reichlich Sonnenscheinstunden sorgen dafür, dass dies auch gut gelingt.

 

Von Dr. Rolf Lange