Weinland Deutschland Teil 2:
Nahe, Hessische Bergstrasse, Rheingau
Das Weinland Deutschland boomt. Kenner und Genießer strömen in Scharen in die Weinberge an Mosel, Rhein, Nahe, Main oder Elbe, um nur einige der faszinierendsten
Weinflüsse zu nennen. Ihre Ufer sind gesäumt von altehrwürdigen Weinbergen, deren beste Lagen nicht selten Weine von Weltruf hervorbringen.
Im ersten Teil unserer kleinen Weinreise durch Deutschlands Anbaugebiete hatten wir Sie ins Ahrtal, an den Mittelrhein sowie die Mosel und ihre Nebenflüsse Saar und Ruwer eingeladen. Freuen Sie sich nun auf Ausflüge an die Nahe, die Hessische Bergstraße und ins Rheingau.
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- Auf guter Grundlage: die Nahe
- Frühlingserwachen an der Hessischen Bergstraße
- Wein und Kultur im Rheingau
Auf guter Grundlage: die Nahe
"Geschüttelt - nicht gerührt": Eine bewegte Erdgeschichte hat dem Weinland Nahe seine enorme Bodenvielfalt geschenkt: Vor Jahrmillionen ließ ein gewaltiges Beben den Nahegraben einbrechen und rüttelte den Untergrund gehörig durch. So entstand ein einzigartiges geologisches Mosaik: An der unteren Nahe herrschen Quarz- und Schieferböden vor, während die mittlere Nahe von Porphyr und Bundsandstein geprägt ist. Rund um Bad Kreuznach bilden Verwitterungsböden und Tonüberlagerungen aus Sandstein, Löß und Lehm die Basis für feine Weine. Nicht zu vergessen die Edelsteine in der Umgebung von Idar-Oberstein.
Eine jede dieser Bodenformationen prägt den Stil und Geschmack des Weines auf ihre Weise. So kommt es, dass die Region um den südlichen Rand des Rheinischen Schiefergebirges bis in die Nahe-Seitentäler von Alsenz und Glan eine stilistische Vielfalt bereithält, die ihresgleichen sucht.
Doch für die Vielfalt der Naheweine sprechen nicht nur die unterschiedlichen Böden: Bereits vor Jahrhunderten begannen die Winzer, ihren Reben gezielt spezielle Hänge und Parzellen zu reservieren, die vor kühlen Winden geschützt
und zugleich von der Sonne reich gesegnet sind. So bestimmen an der Nahe eben nicht, wie in vielen anderen Weinbauregionen, große, zusammenhängende und weitgehend homogene Weinberge das Bild, sondern vielmehr ein Mosaik zahlreicher kleinerer Lagen mit ihren je speziellen Eigenarten.
In den meisten davon entstehen aromatische Weine von ausgesprochen erfreulicher Qualität. Wer herausragende Weine sucht, wird besonders in drei Regionen fündig: Es handelt sich um die Gegend zwischen Schloßböckelheim und Bad Münster am Stein-Ebernburg, den Landstrich unmittelbar nördlich von Bad Kreuznach sowie den Zusammenfluss der Nahe mit dem Rhein bei Bingen.
Der Riesling ist dort das Maß aller Dinge. Waren es zunächst fruchtbetonte Spätlesen und edelsüßen Spezialitäten, mit denen die Nahewinzer auf internationalem Parkett reüssieren konnten, so setzten sich in den letzten Jahren zunehmend hochelegante, trockene Weißweine mit unverkennbar mineralischer Note durch. Diese ungemein finessenreichen und feinaromatischen Gewächse brauchen keinen Vergleich mit den Top-Rieslingen von Mosel oder Rheingau zu scheuen.
Zu weiteren Aufsteigern an der Nahe zählen darüber hinaus - nicht zuletzt dank des Rückgangs der Sorten Silvaner und Müller-Thurgau - auch die Burgunderreben. Weiß- und Grauburgunder stehen für markante, niveauvolle Weißweine, während der Spätburgunder beachtliche Rote hervorbringt.
Weinfreunde, die die Natur und die Gastlichkeit des Nahetals mit allen Sinnen erleben und genießen wollen, sind auf der 130 Kilometer langen Nahe-Weinstraße genau richtig. Der Weg streift unzählige Winzerdörfer, in denen Straußenwirtschaften, Gutsschänken und beachtliche Weingüter zum Besuch einladen. Besonders zwischen Mai und Oktober kann man hier manches Fest feiern.
Ein Highlight ist der Besuch im Freilichtmuseum Bad Sobernheim: Hier wird die Vergangenheit lebendig und greifbar, wenn man durch historische Winzerhäuser streift und eine Ahnung davon bekommt, wie Weinbauern in früheren Jahrhunderten gelebt und gearbeitet haben. Spannend ist ein Abstecher auf den Museumsweinberg: Auf dem in Steillage angelegten Wingert sind die verschiedenen Reberziehungsarten zu sehen. Ein historisches Weinbergshäuschen lädt zum Verweilen ein, und nach dem Besuch des Museums können sich die Besucher gar mit Weinen aus dem soeben besichtigten Wingert stärken.
Frühlingserwachen an der Hessischen Bergstraße
"Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden", soll Kaiser Joseph II begeistert ausgerufen haben, als er an der Bergstraße Halt machte. Denn während es andernorts in Deutschland noch empfindlich kalt sein kann, schwelgt man an den westlichen Ausläufern des Odenwalds bereits in einem Meer prachtvoller Blüten: Mandeln und Forsythien, Kirschen, Aprikosen und Magnolien setzen farbenfrohe Akzente und bilden im Wechsel mit wogenden Rebgärten eine äußerst attraktive Landschaft.
Eingebettet zwischen Neckar, Rhein und Main besteht die Region, die bis zur
Wiedervereinigung Deutschlands kleinstes Anbaugebiet war, aus zwei räumlich getrennten Bereichen: Südlich von Darmstadt bilden die Orte Alsbach, Zwingenberg, Bensheim und Heppenheim den Bereich "Starkenburg". Der zweite Bereich ist die "Odenwälder Weininsel" in und um Groß-Umstadt und Roßdorf.
Geschützt durch die Berge des Odenwaldes profitiert die "Strata Montana", wie die Römer das Gebiet nannten, von einem natürlichen Schutzwall gegen Wind und Wetter. Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei 10° Celsius, dazu kommen traumhafte 1.600 Stunden Sonnenschein pro Jahr und 720 mm Niederschläge. Alles in allem ist das Klima durch eine lange Vegetationszeit gekennzeichnet und für den Anbau von Reben geradezu prädestiniert.
Besonders der spätreifende Riesling gedeiht unter diesen Umständen bestens. Mit etwas Abstand konnten sich Spätburgunder, Grauburgunder und Müller-Thurgau mit frischen, herzhaften Weinen etablieren. Schade eigentlich, dass aus der beschaulichen Region nur so wenige Weine nach außen gelangen. Das meiste wird direkt vor Ort konsumiert.
Ein Grund mehr, sich selbst aufzumachen und die Bergstraße mit all ihren landschaftlichen und baulichen Schönheiten zu entdecken, sei es entlang der zahlreichen Wanderrouten und auf Weinfesten, oder sei es auf dem Kulturpfad "Wein und Stein in Heppenheim. Hier gehen Wein und Kunst eine einmalige Verbindung ein: Auf 6,9 Kilometern Länge finden sich nicht nur zahlreiche Stationen zum Thema Weinbau, sondern auch 14 Kunstwerke, die zentrale Stationen der 2000-jährigen Weinbaugeschichte an der Bergstraße in künstlerische Formen gießen.
Wein und Kultur im Rheingau
Es war eine Laune der Natur, der das Rheingau seine einzigartige Lage verdankt: Fließt der Rhein fast über seine gesamte Länge in Süd-Nordrichtung, so weicht er zwischen Wiesbaden und Rüdesheim von dieser Fließrichtung ab und strebt für eine kurze Strecke gen Westen. Nördlich der Weinberge schützt der Taunus die Reben vor allzu kalten Winden, während im Süden der Rhein für milde Temperaturen sorgt und darüber hinaus das Sonnenlicht reflektiert, so dass es gewissermaßen zweifach auf die Weinberge gelenkt wird.
Seit der Antike haben weltliche und religiöse Würdenträger die klimatischen und geologischen Vorzüge dieses Kleinods erkannt. Karl der Große förderte den Weinbau nach Kräften und begründete die Tradition der "Besenwirtschaft", die bis in die heutige Zeit in allen deutschen Anbaugebieten hoch beliebt ist. Hatte Karl als weltlicher Herrscher den Weinbau auch im Rheingau erheblich ausweiten
lassen, so konsolidierte nun die Geistlichkeit die Weinkultur. Klöster, die den Wein zunächst primär für eucharistische Zwecke angebaut hatten, erkannten in ihm nach und nach eine lukrative Einnahmequelle. Als Vorreiter trat das weltberühmte Kloster Eberbach in Eltville in Erscheinung: Bernard von Clairvaux hatte 12 Brüder an den Rhein geschickt, die alsbald begannen, den Rebbau zu modernisieren.
Nach und nach wurde der bislang praktizierte Mischsatz aufgegeben und durch die sortenreine Anbauweise abgelöst. Bald stellte sich der Riesling als die bei weitem bestgeeignete Rebsorte an den Hängen zwischen Wiesbaden und Rüdesheim heraus. Sukzessive wuchs die Zahl renommierter Güter, die mit ihren Rieslingen auf internationalem Parkett reüssierten. Heute weist das Rheingau eine immense Dichte weltberühmter Erzeuger auf, unter denen mit Robert Weil, Schloss Vollrads, dem Weingut Künstler oder Kloster Eberbach hier nur eine kleine Auswahl genannt werden kann.
Sosehr das Rheingau angesichts der unbestrittenen Qualität seiner Weine auch als Eliteregion gilt, so klein nimmt sich seine geographische Größe aus: Mit lediglich 3100 Hektar Rebfläche zählt die Region zu den kleineren Anbaugebieten in Deutschland. Lediglich zweieinhalb Prozent der deutschen Weinernte stammt aus dem Rheingau. Das Gros entfällt auf den Riesling, der mit etwa 80 Prozent den Löwenanteil für sich beansprucht. während auf den Spätburgunder rund 12,5 und auf den Müller-Thurgau lediglich 2 Prozent entfallen.
Die Rieslinge aus dem östlichen und mittleren Rheingau, besonders jene aus den tiefer gelegenen Terroirs mit sandig-lehmigem Untergrund, sind in der Regel opulenter und kräftiger als die eleganten, an Finesse nahezu unübertrefflichen Weine, die in Rüdesheim auf Schieferverwitterungsböden kultiviert werden.
Unabhängig von der Lage ist den meisten Rheingauer Weinen gemeinsam, dass sie nicht für Ungeduldige geschaffen sind: Mit ihrer gerade in der Jugend markanten und zuweilen ungestümen Säure sowie ihrer aromatischen Vielschichtigkeit brauchen Sie einige Jahre Zeit, um ihre ganze Klasse zu entfalten. Wer sie ihnen lässt, wird mit großartigen Gaumenfreuden belohnt.
Aber nicht nur der Weine wegen lohnt sich ein Besuch im Rheingau: Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich das mittlerweile weltberühmte Rheingau Musik Festival zu einem Publikumsmagneten erster Güte entwickelt. Jahr für Jahr stehen im Sommer nahezu 150 Konzerte an über 40 Spielorten auf dem Programm. Während das Gros der Veranstaltungen Klassik- und Jazz-Enthusiasten anspricht, kommen aber auch Freunde der Literatur und des Kabaretts auf ihre Kosten.









