Weinland Deutschland Teil 4:
Franken, Württemberg, Saale - Unstrut, Sachsen
Im vierten und letzten Part unserer Reihe über das Weinland Deutschland warten gleich vier spannende Anbaugebiete auf Sie: Reisen Sie mit uns an Main, Neckar, Saale und Elbe und lassen Sie sich von vier höchst attraktiven Qualitätsweinregionen und ihren nicht minder attraktiven Weinen bezaubern.
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- Weinland Franken
- Rotweinland im Südwesten: Württemberg
- Wein-Kulturlandschaft Saale-Unstrut
- Sachsen: Raritätenkammer Deutschlands
Weinland Franken
Entlang des Mains und seiner Nebenflüsse ist eine abwechslungsreiche und damit umso reizvollere Wein- und Kulturlandschaft entstanden, die viele Weinfreunde hierzulande bezaubert. Dass das Gebiet international noch immer nicht die Aufmerksamkeit genießt, die es verdient, ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass dort eben nicht der weltweit hoch geschätzte Riesling die erste Geige spielt, sondern der weniger bekannte, aber hochinteressante Silvaner.
Frankens Weinberge sind im Wesentlichen von West nach Ost, an den Ufern des Mains, angeordnet, wo zahlreiche bevorzugte Südlagen entstanden sind. Diese spielen gerade in Franken eine wichtige Rolle, denn das Gebiet ist durch kontinentales Klima und häufige Spätfröste geprägt. Die geschützten Lagen in Flussnähe bilden hier mit ihren relativ warmen Mikroklimata einen Ausgleich und erlauben es den Trauben, voll auszureifen.
Drei Bereiche umfasst das Weinland Franken. Im Westen findet sich zwischen Aschaffenburg und Gemünden das Mainviereck mit seinen gut erwärmenden und daher die Traubenreife fördernden Buntsandsteinböden. Im Maindreieck befindet sich mit seinem Zentrum Würzburg als kulturellem und weinbaulichem Zentrum die unbestrittene Qualitätshochburg Frankens. Auf den nach Süden geneigten Berghanglagen finden sich Muschelkalkboden, die jenen in Chablis (nördliches Burgund) ähneln. Der östlich gelegene Steigerwald ist schließlich durch Gipskeuperböden charakterisiert.
So unterschiedlich die Terroirs auch sind, eine Rebe hat sich in allen Bereichen fest etabliert: der Silvaner hat wie keine andere Rebe das Renommee des Frankenweins begründet. Der Silvaner, nachweislich vor gut 350 Jahren erstmals in Franken kultiviert, bringt die Charakteristika der unterschiedlichen Böden sehr gut zum Ausdruck. Seien es Sandstein, Muschelkalk oder Keuper, in guten Silvanern schwingt stets eine charakteristische Aromatik mit, die die Einen als "erdig", andere als "fein-mineralisch" beschreiben. Welchen Ausdruck man auch bevorzugt, in einem sind sich Silvanerfreunde einig: die durch die Böden hervorgerufenen Nuancen harmonieren hervorragend mit den dezent-floralen Noten und der milden Säure.
Ein guter Silvaner präsentiert sich nie vordergründig. Dafür zeigen sich die besten Exemplare angesichts ihres beeindruckend langen Nachhalls umso tiefgründiger. Das fand schon Kurt Tucholsky: "Tief und rein wie ein Glocktenton" charakterisierte der Dichter seinen Geschmack und bedauerte gar: "Schade, dass man ihn nicht streicheln kann."
Der Silvaner ist ein exzellenter Speisenbegleiter. Ganz gleich, auf welcher Qualitätsstufe oder zu welchem Anlass: von frisch, jung und trocken bis hin zu famosen edelsüßen Varianten, stets bieten Silvanerweine ein gutes Preis-Genuss-Verhältnis und viel Spaß im Glas: Sei es zur rustikalen Winzerbrotzeit, zum fein-eleganten Spargelgericht oder zum phantasievollen Dessert, ein guter Silvaner macht den Gaumenschmaus zum Hochgenuss.
Zu den Top-Weinen des Frankenlands muss auch der Riesling gezählt werden. Er gedeiht vorzüglich in den Würzburger Lagen, wo er feine, mineralische Weine von großer aromatischer Finesse ergibt. Zu den hervorragenden Lagen zählen der terrassierte "Würzburger Stein" mit kraftvollen und extraktreiche Rieslingen sowie die "Innere Leiste", von deren skellettreichen, tonigen Lehmböden besonders filigrane Weine dieser Sorte stammen.
Auch mit anderen Rebsorten weiß das Weinland Franken zu punkten. Zum Beispiel geraten die Weißburgunder von den Steillagen entlang des Mains bestens mit großer aromatischer Dichte und Nachhaltigkeit. Selbst der von vielen Weinfreunden etwas belächelte Müller Thurgau überzeugt - vorausgesetzt die Winzer mäßigen seine Wuchskraft und seine Neigung, hohe Erträge zu produzieren. Schließlich trifft der Weinfreund auch einige attraktive Rotweine an. Die Sandsteinböden bei Bürgstadt lassen ansehnliche Spätburgunder entstehen. Schwarzriesling, Portugieser und Dornfelder erweitern das Angebot.
Fränkisch trocken: Gemeinsam ist den meisten fränkischen Weinen ihre markante Frucht und präsente Säure. Nicht selten unterstreichen Frankens Winzer diesen Charakterzug, indem sie ihren Weinen nur ein geringes Maß Restsüße zugestehen. "Fränkisch trocken" nennt man diese Stilrichtung, die in den letzten Jahren aufgrund der wachsenden Nachfrage nach opulenteren Weinen etwas rückläufig ist.
Wer vom Frankenwein spricht, erwähnt freilich nicht nur die edlen Rebsorten und berühmten Würzburger Lagen, sondern auch die faszinierende Kulturmetropole selbst, die einige der traditionsreichsten Weinkellereien Deutschlands beherbergt. "Sie haben aus den königlich-bayrischen Zeiten eine Grandeur in die Gegenwart hinübergerettet, wie sie sonst in Deutschland kaum zu finden ist", schreibt der Weinautor Hugh Johnson. Zu ihnen zählen die Besitztümer des Freistaats Bayern, die unter dem Dach des staatlichen Hofkellers zusammengefasst sind sowie Weinberge, die sich seit Jahrhunderten im Besitz des Klerus befinden. Sie gehören zum Würzburger Juliusspital.
Frankens Markenzeichen: Einen Vorteil genießt das Weinland Franken gegenüber den anderen Qualitätsweingebieten. Seine Weine sind anhand der unverwechselbaren Bocksbeutel-Flasche eindeutig identifizierbar. Die gesetzlich geschützte Flaschenform wurde erstmals im 14. Jahrhundert bezeugt. Wie sie zu ihrem Namen kam, ist umstritten. Sehen Einige in ihr die Nachbildung eines Hammelhodens, so halten andere es für plausibler, dass die Flasche dem "Buchsbeutel" der Mönche, die in diesem ihre Bibel mit sich führten, nachempfunden ist.
Rotweinland im Südwesten: Württemberg
Sie haben Dichter und Denker beflügelt: Schiller war begeistert vom Württemberger Wein, und Alt-Bundespräsident Heuß soll ihm stets zugesprochen haben, bevor er sich daran machte, eine Rede zu schreiben. Für viele Einheimische ist das tägliche Glas Wein unverzichtbarer Bestandteil der täglichen Nahrung. Zu Recht stellt der Weinautor Hugh Johnson fest, dass der Wein in Württemberg damit eine ähnlich herausragende Rolle spielt, wie in Frankreich oder Italien.
Der Neckar und seine Nebenflüsse Kocher, Jagst, Murr, Enz und Rems sind die Lebensadern des württembergischen Weinbaus. Während der Schwarzwald und die Schwäbische Alb das Gebiet vor kalten Winden und übermäßigen Niederschlägen schützen, herrscht in Flussnähe wie auch am Bodensee, wo sich eine württembergische Weinbau-Enklave befindet, oft sonniges und mildes Wetter.
Die vorherrschenden Böden bestehen aus Muschelkalk, Keuper und Mergel, die nicht nur einen großen natürlichen Vorrat an Mineralien und Nährstoffen bereithalten, sondern auch die Wärme des Tages zu speichern vermögen, was der Traubenreife zuträglich ist. Die beiden letztgenannten Bodenarten sind insbesondere für Rotweine geeignet. Keine andere Region Deutschlands bringt eine so große Bandbreite roter Rebsorten hervor, wie das Qualitätsweingebiet im Südwesten.
Der bekannteste Rotwein ist der Trollinger. Der Name der spät reifenden Sorte weist auf ihre ursprüngliche Heimat Südtirol hin - die Bezeichnung Trollinger lässt ihren Ursprung "Tirolinger" erahnen. Schon seit über 600 Jahren in Württemberg heimisch, hat sich der Trollinger gewissermaßen zum Hauswein der einheimischen Bevölkerung entwickelt. Die besten Weine dieser Sorte sind von heller Farbe und leichtem Alkohol. Sie eignen sich als bekömmliche Zechweine, erreichen aber selten herausragende Qualität.
Wesentlich wertvoller ist der Lemberger, der in Österreich als Blaufränkisch Karriere gemacht hat. Ob das Adelsgeschlecht derer von Neipperg die Rebe im 17. Jahrhundert aus Österreich mitgebracht hat, oder ob es protestantische Glaubensflüchtlinge aus der Steiermark waren, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg in Württemberg niederließen, bleibt im Unklaren. Fest steht, dass der Lemberger heute zu den Qualitätsvorreitern der Region zählt. Mit kräftiger Farbe, intensiven, dunkelbeerigen Aromen, vollem Körper und markanten Gerbstoffen bringt ein guter Lemberger alle Voraussetzungen mit, die ein lagerfähiger Rotwein braucht: Herausragende Lemberger entfalten ihre wahre Größe meist erst nach drei bis fünf Jahren.
Eine weitere beliebte Württemberger Rotwein-Spezialität ist darüber hinaus der Schwarzriesling. Meist bringt er samtig-fruchtige Rotweine von mittlerem Körper hervor. Die meisten Weinfreunde, die diese ehrlichen, bodenständigen Tropfen genießen, ahnen nicht, dass der Schwarzriesling gewissermaßen ein "Doppelleben" führt. Unter ihrem französischen Synonym Pinot Meunier wird die Traube nämlich auch in der Champagne kultiviert und ist dort Bestandteil der edelsten, besten und teuersten Schaumweine der Welt.
Spätburgunder, Deutschlands rote Edelrebe Nr. 1, ist zwar mittlerweile auch in Württemberg heimisch und bringt ansehnliche Resultate, zur Spitzenklasse in Deutschland zählt er allerdings noch nicht.
Die meisten württembergischen Weißweine geraten auf den Keuper- und Mergelböden füllig und erdig. Das gilt nicht nur für Müller-Thurgau und Kerner, sondern auch für den Riesling, die weiße Hauptrebsorte. Oft präsentiert er sich mit einer gewissen Geschmeidigkeit, die man in anderen deutschen Anbaugebieten so nicht antrifft.
Wein-Kulturlandschaft Saale-Unstrut
Die Weingärten an Saale und Unstrut bilden das nördlichste kontinentaleuropäische Anbaugebiet. Die 660 Hektar Rebfläche verteilen sich im Wesentlichen auf die Region von Freyburg und Naumburg im südlichen Sachsen-Anhalt und Bad Kösen im nördlichen Thüringen. Damit befinden sich einige Lagen auf der gleichen Höhe wie das Ruhrgebiet. Dennoch bietet die Region gute Voraussetzungen für hochwertige Weine. Im Regenschatten des Harzes und des Thüringer Waldes gelegen, zählt sie zu den trockensten Qualitätsweingebieten Deutschlands. Deshalb ist es von Vorteil, dass der Wasser speichernde Buntsandstein vorherrscht, der die Reben auch während längerer Trockenperioden mit ausreichend Feuchtigkeit versorgt. Hinzu kommen 1600 Sonnenstunden, die trotz kühler Temperaturen eine gute Traubenreife ermöglichen.
Insbesondere der Müller-Thurgau, der ein knappes Viertel der Rebfläche bedeckt, hat sich an Saale und Unstrut etabliert. Ihm folgen Weißburgunder, Silvaner und Kerner. Auch der Riesling, der besonders auf Muschelkalkböden feingliedrig-mineralische Weine ergibt, spielt eine Rolle. Im Rotweinbereich herrschen Portugieser und Dornfelder vor, interessanterweise wird auch der sonst eher in Österreich anzutreffende Blaue Zweigelt kultiviert.
Wein- und Kulturlandschaft: Reizvoll sind an Saale und Unstrut nicht allein die Weine, deren Qualität sich kontinuierlich verbessert hat, sondern auch das Landschaftsbild. Über Jahrhunderte haben die Weinbauern eine einzigartige Kulturlandschaft geschaffen. Ein Mosaik aus steilen Terrassenlagen, Trockenmauern, Streuobstwiesen und Flussauen prägt das Bild. Die Lehr- und Versuchsanstalt Naumburg/Freyburg hat es sich zum Ziel gesetzt, die historische Landschaft zu bewahren. Gemeinsam mit traditionsbewussten Winzern der Region bepflanzte man kleingliedrig terrassierte Rebhänge neu. Die historischen Weinbergshäuschen, die pittoresk aus den Hängen "herauswachsen", wurden restauriert, und die alten Trockenmauern aus Lehm- und Kalkstein wieder aufgebaut. Anders als die Weinbergshäuschen sind die Mauern übrigens nicht nur zur Zierde da, sie schützen die Hänge auch vor Erosion. Zudem speichern sie die Tageswärme und stellen sie des Nachts den Reben zur Verfügung.
Drei Weinstraßen durchziehen das Gebiet und führen den Besucher nicht nur durch die schön gelegenen Weinberge, sondern auch entlang historischer Orte wie Bad Kösen, Dornburg und Freyburg. Besonders im Herbst, wenn die Oktobersonne die Landschaft in ein goldenes Licht taucht, lohnt sich ein Besuch.
Sachsen: Raritätenkammer Deutschlands
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der mächtige Sachsenkönig August der Starke regierte, zählte die Rebfläche in Deutschlands nordöstlichstem Anbaugebiet etwa 1300 Hektar. Kriege, Reblausplage, Wirtschaftskrisen und Diktatoren sorgten dafür, dass sie zwischenzeitlich auf 350 Hektar zusammenschmolz. Immerhin ist die Rebfläche wieder auf 470 Hektar angewachsen. Dennoch ist der Slogan der sächsischen Gebietsweinwerbung "Eine Rarität: Weine aus Sachsen", noch immer nur allzu berechtigt.
Es dringt nicht viel aus dem Sächsischen Elbland zwischen Diesbar-Seußlitz und Pillnitz nach Außen. Das ist bedauerlich, denn dank günstiger klimatischer Verhältnisse und qualitätsorientierter Erzeuger wartet Sachsen mit zahlreichen ausgezeichneten Weinen auf. Höhenzüge wie das Erzgebirge und die Sächsische Schweiz schirmen die Weinberge vor kalten Ostwinden ab. Reichlich Sonnenschein sorgt dafür, dass sich die Luft erwärmt, und ruft markante Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht hervor. Diese ziehen den Reifeprozess in die Länge und sichern den Trauben ausreichend Zeit, einen großen Reichtum an Aromen und wertvollen Inhaltsstoffen zu entfalten, der den Weinen zugute kommt.
Um Wärme und Sonnenschein optimal auszunutzen, bauen Sachsens Winzer ihre Reben auf terrassierten Steilhängen an. Eine der berühmtesten Lagen, der "Goldene Wagen" in Radebeul bei Dresden, wird jährlich im August zum "Tag des offenen Weinguts" geöffnet. Wer fit genug ist, kann die halsbrecherisch steilen Steintreppchen erklimmen und nach schweißtreibendem Aufstieg den phantastischen Ausblick über das Reben, Lust- und Herrenhäuser sowie das anmutige Elbtal genießen.
Sachsen bietet den Weinfreunden ein großes Rebsortenspektrum. Spitzenreiter ist der Müller-Thurgau, der ein Fünftel der Weinberge für sich beansprucht. Bereits an zweiter Stelle folgt der Riesling. Beachtung verdienen die Burgundersorten, die besonders in den Lagen nahe der Stadt Meißen zum Teil exzellente Weine hervorbringen. Führend auf dem Gebiet sächsischer Grau-, Weiß- und Spätburgunder ist Schloss Proschwitz in Zadel, wo Winzer und Weinmacher es gut verstanden haben, den auf Löss- und Granitböden gewachsenen Reben jene gelungene Verbindung aus markanter Fruchtaromen und feinen mineralischen Nuancen zu entlocken, die heute bei Weinfreunden im In- und Ausland überaus beliebt ist.
Wer sich einen schönen Überblick über das Qualitätsweingebiet Sachsen machen möchte, fährt am besten von Diesbar-Seußlitz im Norden immer entlang der Elbe bis nach Dresden. Zahlreiche sehenswerte Dörfer und Städte säumen den Weg, z.B. das historische Meißen mit seiner Albrechtsburg und der weltberühmten Porzellanmanufaktur. Vor den Toren von Dresden wartet Radebeul mit dem Karl-May-Museum sowie dem bezaubernden Ortsteil Alt-Kötzschenbroda auf, wo Kleinkunst, Kneipen und Cafés, beste Unterhaltung garantieren. Das weltoffene Dresden lockt mit Frauenkirche, Semperoper, Zwinger und vielem mehr und rundet die genüssliche Weintour ab.
Von Dr. Rolf Lange

