Weinland Deutschland Teil 1:
Ahrtal, Mittelrhein und Mosel

Deutschlands Weine sind beliebter denn je. Schlummerte das Weinland Deutschland in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch im Dornröschenschlaf, so bringt es heute finessenreiche Weiß- und Rotweine hervor, die nicht nur die Genießer hierzulande elektrisieren. Die Viniversitaet nimmt das zum Anlass, die heimischen Anbaugebiete in einem neuen Seminar vorzustellen.

Als kleinen Vorgeschmack auf diese Premium-Veranstaltung mit Genuss-Garantie präsentieren wir Ihnen in den nächsten Monaten eine vierteilige Newsletter-Reihe über die heimischen Anbaugebiete. Freuen Sie sich nun zu Beginn auf Ausflüge ins Ahrtal, an den Mitttelrhein sowie die Mosel und ihre Nebenflüsse.

 

Eldorado für Rotweinfreunde: Das Ahrtal

"Letzter Becher vor Nord!" rief der Literat Ernst Bertram in einem Gedicht über das Ahrtal aus. Ein bisschen erweckt das den Eindruck, als begänne gleich oberhalb von Bad Neuenahr die Polarregion.

In Bezug auf weinbauliche Belange stimmt dieses Bild sogar. Vor dem Klimawandel galt das Ahrtal als Ausnahmeregion, die trotz ihrer nördlichen Lage nur aufgrund einer Laune der Natur Qualitätsweinbau, insbesondere die Bereitung hochwertiger Rotweine, betreiben konnte. Am Rand der Kölner Bucht gelegen, genießt das kleine Anbaugebiet den milden Einfluss des Golfstroms. Zudem schützt die Eifel die steilen Rebhänge vor kalten Winden und Niederschlägen. In der Enge des Tals staut sich im Sommer die Hitze. Felsen, Schieferböden und uralte, brüchige Weinbergsmäuerchen heizen sich am Tage beträchtlich auf und geben des Nachts die gespeicherte Wärme an die Reben ab.

Zwar erlaubt der Klimawandel heute auch in noch weiter nördlich gelegenen Regionen Reben zu kultivieren. Aber dem Ahrtal ist hieraus bislang keine Konkurrenz erwachsen. Im Gegenteil, seine Winzer und Weinmacher haben davon profitiert: Das Wetter habe sich nicht verschlechtert, sondern eher verbessert, stellt ein Winzer der Region fest. Deutlich wärmer sei es geworden, und die Niederschläge seien zurückgegangen, was das Fäulnisproblem verringert habe.

Alles in Allem sind das beste Voraussetzungen für gesunde, gut ausgereifte und aromatische Trauben und mithin beachtliche Rotweine: Jenseits von Frühburgunder, Portugieser und Dornfelder, die zuverlässig ordentliche bis gute Qualitäten hervorbringen, ist der Spätburgunder der unbestrittene Star an der Ahr. Er bringt hier Weine von solcher Fülle und Tiefgründigkeit hervor, dass Vergleiche mit dem berühmten Burgund berechtigt sind.

Weingeographisch kann man das Ahrtal in zwei Regionen unterteilen. Zwischen Altenahr und Marienthal wächst der Wein auf Steilhängen, die bis an die Ufer des gemächlich mäandrierenden Flusses heranreichen. Winzer und Lesehelfer müssen zuweilen durch zerklüftete Felsspalten klettern, um kleine Parzellen zu erreichen, die oftmals nur wenige Rebstöcke beherbergen. An den Einsatz von Maschinen ist hier gar nicht zu denken. Aber die Qualität entschädigt für alle Mühen. Ein Paradebeispiel für solche Ausnahmelagen ist der berühmte "Pfarrwingert" bei Dernau. Einst im Besitz des Klerus, liegt er in einer der wärmsten Gegenden des Ahrtals, in der die Frühlingssonne den Schnee am schnellsten schmelzen und der goldene Herbst die Trauben am längsten reifen lässt. Auf Grauwacke-Verwitterungsböden finden sich prachtvolle Spätburgunder-Rebstöcke, die mittlerweile etwa 30 Jahre alt sind. Das fortgeschrittene Alter zügelt ihre Ertragskraft und ermöglicht eine wohl balancierte Konzentration vielfältigster Aromen, für die sich qualitätsbewusste Winzer seit Jahrzehnten einsetzen.

Bei Walporzheim wandelt die Landschaft ihr Gesicht: Glich das enge Tal bis hierhin noch einer Schlucht, so weitet es sich nun: Sanftere Hänge mit tiefgründigen Lössböden bestimmen das Bild. Vor allem auf der von der Sonne begünstigten linken Flussseite entstehen opulente Rotweine, die körperreicher und vollmundiger ausfallen, als ihre filigranen und mineralischen "Artgenossen" aus den steilen Hängen des oberen Tals.

Weinfreunde, die sich selbst ein Bild von der Schönheit des kleinen, feinen Anbaugebiets machen wollen, tun dies am besten per pedes. Der malerische Rotweinwanderweg, der von Bad Bodendorf bis Altenahr über 35 Kilometer die Weinorte miteinander verbindet, bietet zu jeder Jahreszeit spektakuläre Aussichten auf das Ahrtal und seine berühmtesten Lagen. Abstiege und Wege führen direkt in die Weinorte, wo Weinproben in der Probierstube und Winzervesper in der Straußwirtschaft Hunger und Durst stillen.

 

Magische Momente am Mittelrhein

Zwischen Bonn und Bingen ist sie zu Hause: die vielbesungene Rhein-Romantik. Über eine Strecke von 120 Kilometern reihen sich steile Rebhänge, Schlösser, Burgen und die weltberühmte Loreley wie Perlen einer Kette entlang des Flusses und bilden eine einzigartige Kulturlandschaft. Im Jahr 2002 wurde diese gar von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben.

Jahr für Jahr zieht die Region zahlreiche Touristen von Nah und Fern an. Amerikanische und japanische Reisegruppen auf der Suche nach romantischer Postkartenidylle sind ebenso darunter wie Weinfreunde, die wegen der einzigartigen Verbindung von landschaftlicher Schönheit, historischer Kultur und Weinqualität kommen. Letztgenannte hat sich, nachdem sie zwischenzeitlich vielerorts kaum über das Niveau von einfachen Schoppenweinen hinausgekommen war, mittlerweile beträchtlich verbessert.

Unter den Spitzenweinen des Mittelrheins regiert unangefochten der Riesling. Auf den mineralreichen Schieferböden und unter den klimatisch günstigen Verhältnissen findet Deutschlands weiße Edelrebe Nr. 1 ideale Wachstumsbedingungen. Die ambitioniertesten Winzer des Mittelrheins, besonders jene aus dem südlichen Teil zwischen Bacharach, Boppard und Spay, haben neue Parzellen in Steillagen erschlossen bzw. alte rekultiviert. Sie haben sich auf niveauvolle Rieslinge kapriziert, die auch überregional Anerkennung finden. Die Vielfalt der Rebsorten wird ergänzt durch Müller-Thurgau, Kerner, Grau- und Weißburgunder. Unter den roten Trauben dominieren Spätburgunder, Dornfelder und Portugieser. Schnäpse, Liköre und Edelbrände runden das Angebot vieler Weinbaubetriebe ab.

Wer das stille Genießen liebt, findet abseits der populären Touristenzentren exzellente Möglichkeiten. Das Mittelrheintal zählt zu den schönsten und abwechslungsreichsten Wandergebieten Deutschlands. Unterschiedliche Landschaftsformen treffen auf engstem Raum aufeinander: Felsen, Weinbergterrassen, einschneidende Seitentäler und bewaldete Bergrücken bilden ein landschaftliches Mosaik, das zu jeder Jahreszeit seine eigenen Reize entfaltet: an goldenen Herbst- und klaren Wintertagen ebenso wie im Frühjahr und Sommer, wenn das satte Grün der Rebhänge und Bäume den altehrwürdigen Fluss säumt.

Zu den schönsten Touren zählt der Rheinsteig. Nachdem das Mittelrheintal zum Weltkulturerbe ernannt worden war, wurde er komplett erschlossen und erstreckt sich nun rechtsrheinisch auf 320 Kilometern zwischen Bonn, Koblenz und Wiesbaden. Gemütliche Wandertouren sind ebenso möglich wie mehrtägige anspruchsvollere Trips. Der beliebte Wanderweg ist mit 8000 Markierungszeichen und 450 Wegweiserstandorten gut ausgeschildert. Zahlreiche Betriebe zum Einkehren und Übernachten haben sich auf die Wanderer eingestellt und heißen sie herzlich willkommen.

Magische Momente kann man dann erleben, wenn man in der milden Abendsonne zwischen Pfirsichbäumen am Fuß eines Weinbergs sitzt und die müde gewordenen Füße ausstreckt. Ein Glas belebenden, verführerisch duftenden Rieslings vor sich lässt man den Tag Revue passieren und freut sich auf neue Genüsse für Auge, Nase und Gaumen, die am nächsten Morgen bereits warten ...

 

Mosel, Saar und Ruwer: Riesling in Vollendung

Die Mosel ist ein Anbaugebiet der Superlative. Bereits vor 2000 Jahren von den Römern kultiviert, gelten die Hänge an Mosel, Saar und Ruwer als die älteste deutsche Weinbauregion. "Arbeitsfreudiges Volk und fleißig sich mühende Winzer tummeln sich hier auf der Höhe …", beschrieb der römische Dichter Ausonius bereits 330 n. Chr. die blühende Weinlandschaft. Zugleich trägt die Region den Titel "größtes Steillagengebiet der Welt": Mit dem Bremmer Calmont beherbergt es gar den steilsten Weinberg, den der Globus zu bieten hat. Stolze 67 Prozent Gefälle machen diese Ausnahmelage zu einer einmaligen Herausforderung für Winzer und Lesehelfer. Last but not least weist die Mosel die größte Riesling-Anbaufläche weltweit auf.

Das Geheimnis dieser Edelrebe ist, dass sie an der Mosel langsam aber stetig reift, bis späte Herbstnebel die Lesezeit ankündigen. Oft wird der Riesling erst Ende Oktober, Anfang November gelesen, sodass er viele Monate der Vegetation hinter sich hat und mithin reichlich Zeit, komplexe, aromatische Geschmacksstoffe auszubilden, die in einer frischen, belebenden Säure ein ideales Gegengewicht finden. Faszinierend am Moselriesling ist zudem, dass er trotz der langen Reifeperiode einen bemerkenswert geringen Alkoholgehalt ausbildet, der oftmals noch unter zehn Volumenprozent liegt. Als sehr anspruchsvolle Rebe brilliert der Riesling besonders auf den nach Süden hin ausgerichteten, windgeschützten Steillagen, deren schüttere und verwitterte Schieferböden den Weinen jene unvergleichliche Mineralität zufügen, für die die Mosel weltberühmt ist. "Der Anspruch Riesling ist hier in höchster Vollendung umgesetzt worden", bemerken die Autoren des "Weinatlas Deutschland" treffend.

Natürlich gedeihen auch andere Rebsorten an der Mosel. In weniger begünstigten Lagen, beispielsweise den flacheren Terroirs, findet man auch Müller-Thurgau, Kerner und Elbling. Der Letztgenannte bringt zuweilen frische, neutrale, trockene Stillweine hervor, häufiger jedoch bildet er die Grundlage für Sekt.

Das Kerngebiet Mosel wird in drei Bereiche unterteilt: Die Untermosel erstreckt sich zwischen Koblenz und Zell. Das Tal ist hier sehr eng, die Weinberge scheinen direkt aus dem Fluss herauszuwachsen und sich in schwindelnde Höhen zu erheben. Vielfach sind die Hänge so steil, dass die Reben nur auf schmalen Terrassen - gesichert durch Mauern aus Schiefersteinen - Platz finden. Die untere Mosel wird daher als Terrassenmosel bezeichnet.

Die Mittelmosel bildet das Herzstück des Anbaugebietes. Bekannte Weinbaugemeinden und berühmte Weinbergslagen reihen sich aneinander, weltbekannte Rieslinge wachsen auf den Schieferverwitterungsböden. Nahe der Moselschleife finden sich die berühmten Trittenheimer Lagen, z.B. "Treppchen" und "Apotheke", sowie die Paradelagen des Weinorts Leiwen, auf denen qualitätsorientierte Winzer wie Gerhard Grans fein ausgewogene Rieslinge bereiten. Sein Weingut Grans-Fassian besteht bereits seit 400 Jahren und genießt bis heute hohes Ansehen: "Gerhard Grans ist ein Spitzenwinzer, der in seinem Heimatort mit Riesling tolle Kunststücke hervorbringt, die entzücken", urteilt beispielsweise das Fachblatt "Vinum". Folgt man dem Moselverlauf flussaufwärts, so reiht sich Spitzenlage an Spitzenlage: die Brauneberger Lagen Juffer und Sonnenuhr, der berühmte Bernkasteler Doctor, die Wehlener Lagen und viele mehr bringen reife Rieslinge "von einer Strahlkraft und Komplexität" hervor, "wie sie nur selten auf der Welt zu finden sind", zollen die Autoren des "Weinatlas Deutschland" der Mittelmosel tiefen Respekt.

Südlich von Trier weitet sich das Tal, die Hangneigungen werden flacher. Hier beginnt die Obermosel, die mit ihren Kalkböden gute Terroirs für Weiß- und Grauburgunder, aber auch für Elbling und Chardonnay bereithält.

Von der Saarschleife über Saarburg bis zur Mündung in die Mosel bei Konz bietet das Saartal als weiterer wichtiger eigenständiger Bereich des Anbaugebiets Mosel weit mehr als landschaftliche und historische Sehenswürdigkeiten. Weltbekannte Weinorte reihen sich aneinander: Serrig, Ockfen, Kanzem, Ayl oder Wiltingen mit der wohl berühmtesten Weinlage der Saar, dem Scharzhofberg. Über den Saarriesling urteilt der international bekannte britische Weinautor Hugh Johnson: "Einer der überragenden Weißweine der Welt, der Schluck für Schluck bezaubert."

Das Ruwertal ist mit rund 200 Hektar Rebfläche schließlich die kleinste Teilregion des Weinbaugebietes Mosel. Das kleine Flüsschen Ruwer windet sich vom Hunsrück kommend, gesäumt von Wiesen, Reben und Wäldern, durch ein enges Tal und mündet unterhalb von Trier in die Mosel. Bekannte Weinbaugemeinden an der Ruwer sind Waldrach, Kasel, Mertesdorf und Eitelsbach.

Wer das Moseltal mit allen Sinnen erleben will, findet allerorts zahlreiche Möglichkeiten, den Wein mit bezaubernden Landschaften und faszinierender Kultur zu verbinden. Als ein Beispiel unter vielen sei hier ein Besuch auf dem Martberg an der Terrassenmosel erwähnt. Nahe dem kleinen Weinort Pommern, einem der ältesten Weindörfer der Region, zeugt eine historische, vor wenigen Jahren liebevoll rekonstruierte römische Tempelanlage vom florierenden Leben, das bereits seit Jahrtausenden diese Weinkulturlandschaft prägt.

Das Weingut Schneiders Moritz in Pommern organisiert reizvolle Wanderungen, die echte Highlights eines Moselbesuchs sind. Die Tour führt durch die Weinberge bis zum Martberg, wo die Tempelanlage besichtigt werden kann. Ein ausgiebiges römisches Schlemmerbuffet, bei dem natürlich die herzerfrischenden Weine der Familie Moritz nicht fehlen, rundet das Programm ab.