Weinbauregionen in Europa - Teil 3
Italien - Apulien und Sizilien

Italien

Besucher, die Italiens Süden bereist haben, berichten von Kakteen, die sich auf kargen, staubigen Böden kauern, und Palmen, deren Wedel sich mit fließenden Bewegungen im sanften Wind wiegen. Derweil liegen weißgetünchte Dörfer verschlafen im gleißenden Sonnenlicht. Wäre da nicht das satte Grün der gepflegten Weingärten, man könnte sich fast in Nordafrika wähnen. Lernen Sie im dritten und abschließenden Teil unserer vinofilen Italienreise Apulien und Sizilien kennen, zwei altehrwürdige Weinbauregionen, die sich seit Jahren stetig im Aufschwung befinden.

Wie aus hässlichen Entlein stolze Schwäne wurden

Dass Apulien und Sizilien unisono bereits in der Antike beachtliche Weine zu bieten hatten, wussten schon die alten Griechen: "Oinotria", Land der Reben, nannten sie die süditalienische Landschaft, und es verstand sich von selbst, dass auch die weinaffinen Römer die Tropfen der Region zu schätzen wussten.

Als Jahrtausende später deutsche Urlauber den Süden Italiens entdeckten, hatten sie jedoch vermutlich eher die Strände von Brindisi, Kulturgüter wie das Castel del Monte oder Naturattraktionen wie den Ätna im Blick, als die zahlreichen Qualitäts- und Landwein-Weingebiete Apuliens und Siziliens. Lange Zeit gereichten diese ihren Regionen nämlich kaum zur Ehre. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein konzentrierten sich die meisten Erzeuger primär darauf, norditalienischen und französischen Kellereien immense Mengen alkoholstarker Fassweine zu liefern. Verschnitten mit einheimischen Weinen, bildeten sie die Basis für Billig-Cuvées in Discounter-Qualität. Kein Wunder, dass das renommierte "Oxford Wein-Lexikon" noch in einer seiner früheren Auflagen konstatierte, im Süden stünde die Quantität in umgekehrtem Verhältnis zur Qualität.

Sizilien

Doch in den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles zum Besseren gewandelt, seit EU-Subventionen es ermöglichten, die Standards und das Know-how in Weinbergen und Kellern erheblich zu steigern. Viele Erzeuger aus anderen Landesteilen begannen sich für den Süden und sein weinbauliches Potenzial zu interessieren. Sie gingen Joint Ventures mit einheimischen Winzern ein: Das renommierte Veroneser Weinhaus Pasqua etwa verbandelte sich höchst erfolgreich mit der Familie Fazio in Westsizilien, und die Mannschaft des abruzzischen Erzeugers Farnese kooperiert mittlerweile seit vielen Jahren mit dem nordapulischen Weinbaubetrieb Lucarelli. Selbst der in Weinkreisen weltberühmte Marchese Antinori engagiert sich seit geraumer Zeit im Süden.

Alle hier genannten Erzeuger stehen stellvertretend für eine neue Weinphilosophie, die im Weinstock nicht länger einen austauschbaren Massenträger sieht, sondern eine jede Rebsorte gemäß ihren spezifischen Charaktereigenschaften beurteilt. Damit wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass sich Apulien und Sizilien neue, unverwechselbare Weinprofile zulegen konnten. Ihr Prestige stieg damit fast zwangsläufig, denn die internationale Weinwelt ist neuen Trends derzeit sehr aufgeschlossen.

Die einheimischen Reben des Südens

Der Aufschwung Apuliens fußt insbesondere auf zwei Rebsorten mit gar nicht schmeichelhaften Namen: Sie heißen Primitivo und Negroamaro.

Primitivo bedeutet "der Frühreifende". Wie und wann er von seiner ursprünglichen Heimat Kroatien aus den italienischen Stiefelabsatz erreichte, bleibt im Dunkeln. Jedoch gilt er mittlerweile als eine typisch apulische Traube.

Primitivo-Weine geraten in der Hitze Süditaliens oft sehr alkoholstark und körperreich. Sie verströmen einen ausgeprägt beerigen Duft. Dank moderner Anbautechniken entstehen mittlerweile aber auch schlankere und elegantere Weine, was dazu beiträgt, dass die Sorte immer beliebter wird. Die wachsende Popularität des Primitivo wurde noch verstärkt, als Rebkundler meinten, die Traube wäre identisch mit der überaus beliebten Zinfandel-Rebe aus Kalifornien. Dies ist jedoch umstritten. Immerhin weisen beide sehr ähnliche Charakteristika auf.

Meist wird der Primitivo reinsortig vinifiziert und kommt als weicher, mittelkräftiger Rotwein auf den Markt, der sich als idealer Begleiter der einfachen italienischen Küche bewährt. In Kombination mit internationalen Edelreben wie Cabernet Sauvignon reüssiert der weiche Primitivo oft als ideales Gegengewicht zur der tanninbetonten Bordeauxsorte.

Apulien

Der Negroamaro, wörtlich, der "Schwarz-Bittere", bildet die Basis für einen der berühmtesten Qualitätsweine Apuliens, den Salice Salentino. Der Wein wächst auf der Halbinsel Salento, wo er in niedrigen Büschen erzogen wird. Diese "albarello" genannte Reberziehungsform wird in Apulien bereits seit der Antike praktiziert. In heißen und trockenen Regionen hat sie sich besonders bewährt, weil zu Boden hängende Triebe den Trauben Schatten spenden und auch die Verdunstung einschränken.

Die Halbinsel Salento bietet dem Negroamaro ein ideales Klima: Zwar ist sie, wie die anderen apulischen Landstriche auch, durch Hitze und Trockenheit gekennzeichnet. Jedoch streifen unablässig kühlende Winde, teils von der Adria, teils vom Ionischen Meer aus, über das Land und versorgen die Reben mit Kühle. Das zieht den Reifeprozess in die Länge und trägt dazu bei, dass die Trauben neben dem Zucker auch eine Vielzahl von Aromen ausbilden, die sich im späteren Wein in Form vielschichtiger Duft- Geschmackseindrücke niederschlagen.

Ein guter Salice Salentino zeichnet sich durch eine fast schwarze Farbe, kräftige, an dunkle Beeren und Süßholz erinnernde Aromen und präsente Gerbstoffe aus. Indem der Kellermeister den jungen Wein einige Monate lang im kleinen Eichenholz reifen lässt, trägt er dazu bei, dass ein weicher, samtiger und opulenter Rotwein entsteht, der zwar noch schwarz, aber keinesfalls mehr bitter ist und exzellent zur gehobenen Küche passt. Rindfleisch sowie Wild begleitet er hervorragend.

Die führende Rotweintraube Siziliens heißt Nero d'Avola. Was wie ein vornehmer Adelstitel klingt, heißt übersetzt "der Schwarze aus Avola". Über Jahrhunderte von den Winzern der Stadt Avola am Südostzipfel Siziliens selektiert, ist diese Rotweinsorte heute der Star der Insel. In dem besonders heißen und trockenen Klima keltern die einheimischen Winzer aus ihrer bevorzugten Sorte zum Einen einfache Alltagsweine, zum Anderen ausgesprochen kräftige, schwere, dunkle und komplexe Weine mit vielschichtigem Aromenspiel.

Nicht nur reinsortig ausgebaut zeigt der Nero d'Avola bemerkenswerte Qualitäten. Mit seiner markanten Aromatik erweist er sich auch als stark genug, in Cuvées mit charaktervollen Edelreben wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah zu bestehen und diesen ein samtiges Profil zu verleihen.

Auch im Weißweinbereich hat Sizilien ein eigenständiges Profil entwickelt. In gewisser Weise verdankt es dies dem Niedergang einer alten einheimischen Spezialität, dem süßen Likörwein Marsala. Dieser wurde seit je her aus den weißen Sorten Inzolia, Grillo und Catarratto bereitet. Als die weltweite Nachfrage nach Marsala sank, verlegten sich viele Erzeuger darauf, aus den genannten Sorten trockene Weißweine zu bereiten. Eine Reihe ansprechender Weine mit frischem Charakter und feinfruchtiger Aromatik entstand.

Sizilien

Dabei konnte die Grillo-Traube den größten Erfolg verbuchen. Einen besonders ansprechenden Grillo präsentiert das westsizilianische Weingut Feudo Arancio. Im Bergland im Inselinnern legten die Önologen des Guts, das sich übrigens im Besitz der norditalienischen Cantina Mezzacorona befindet, hochgelegene Weingärten an, in denen die Trauben exzellent reifen. Über ihnen thront die architektonisch hoch attraktive Kellerei, in der ein prächtiger Weißer mit vollfruchtiger Aromatik sowie milder und zugleich doch präsenter Säure entsteht. Weine wie dieser trafen exakt den Nerv vieler Weißweinfreunde auf der ganzen Welt, so dass der Grillo heute der beliebteste Weißwein der Insel und mithin das "weiße Markenzeichen Siziliens" ist.

Süßes Kleinod vor der Küste Afrikas

Unser Artikel begann mit Afrika, mit Afrika endet er auch. Denn zwischen Sizilien und Tunesien beherbergt die Vulkaninsel Pantelleria ein süditalienisches Süßwein-Kleinod, das sich bei Freunden nobler Dessertweine höchster Wertschätzung erfreut: den Moscato di Pantelleria.

Die besten Exemplare bringen es auf eine Restsüße von 130-140 Gramm pro Liter. Einschmeichelnd, süß und samtig verbinden sich traubig-üppigen Aromen des Muskatellers mit der honigwürzigen Süße. Ein guter Moscato di Pantelleria erweist sich als exzellenter Begleiter feiner Dolci, italienischer Desserts. Auch zu ausgewählten Käsesorten passt er hervorragend.