Weinbauregionen in Europa - Teil 2:
Italien - Toskana und Umbrien

Italien

Nicht nur, aber besonders, wenn die Urlaubszeit vor der Tür steht, verspüren viele Menschen hierzulande die Sehnsucht nach Italien mit seinen vielfältigen Landschaften, seiner beeindruckenden, Jahrtausende alten Kultur und nicht zuletzt seinen großartigen Weinen. Nachdem Sie uns im ersten Teil unserer vinofilen Italienreise ins Piemont und nach Venetien gefolgt sind, laden wir Sie nun zu einer Entdeckertour durch die Toskana und Umbrien ein. Freuen Sie sich auf kurzweilige Lektüre und bekommen Sie Appetit auf einige der großartigsten Weine, die Italien zu bieten hat.

Toskana

Unter den altehrwürdigen Weinbauregionen der Welt zählt die Toskana zu den traditionsreichsten. Schon in der Antike verstanden es die Etrusker, das wie ein Dreieck geformte Land zwischen Florenz und Siena für den Weinbau zu nutzen. Auf ihren Erkenntnissen bauten die Römer auf und etablierten den Rebanbau als Teil der Alltagskultur.

Toskanat

Waren es zunächst hauptsächlich Kleinbauern, die sich um Anlage und Bewirtschaftung der Rebberge kümmerten, so wurden sie seit dem frühen Mittelalter tatkräftig durch die immer zahlreicher werdenden Klöster unterstützt und in der Kunst, höherwertige Weine zu bereiten, unterwiesen. Als zwischen dem ersten und 14. Jahrhundert die Städte anwuchsen - Florenz brachte es mittlerweile auf beachtliche 90.000 Einwohner - stieg auch die Nachfrage nach guten Weinen an. Wein wurde Handelsgut. Bereits im ausgehenden 13. Jahrhundert gründeten Weinhändler eine Zunft "Arte dei Vinattieri", der wenig später ein gewisser Giovanni di Piero Antinori beitrat, dessen direkte Nachkommen noch heute zu den prominentesten Weinhändlern der Toskana gehören.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts tauchen erstmals die Bezeichnungen "Vernaccia di San Gimignano", "Brunello" und "Chianti" auf. Im 17. Jahrhundert trat mit dem "Vino Noblie di Montepulciano" ein weiterer Star der toskanischen Weinszene auf den Plan. All diese Weinspezialitäten haben den Ruf der Toskana als eine der besten italienischen Herkünfte besiegelt. Bis in die Gegenwart hinein feilen die toskanischen Winzer und Weinmacher daran, die Qualität und Stilistik ihrer Weine zu vervollkommnen.

Vernaccia di San Gimignano

Obwohl die meisten Weinfreunde bei der Toskana besonders noble Rotweine im Sinn haben, verdient auch ein sehr ansprechender Weißwein Beachtung: der Vernacccia di San Gimignano. Der auf die Stadt San Gimignano verweisende Zusatz ist wichtig, denn den Namen Vernaccia ("die Einheimische") tragen viele Rebsorten Italiens.

Rund um die vieltürmige, historisch bedeutende Stadt in der Provinz Siena wird die Traube schon seit über 700 Jahren angebaut. Mitte des vergangenen Jahrhunderts wäre sie beinahe von der Bildfläche verschwunden: zu sehr galt sie mit ihrer aromatischen, ausdrucksstarken Art als Kuriosität, die so gar nicht in das Bild der ansonsten vorherrschenden neutralen Weißweine passen wollte. Förderer der Traube, die ihre Qualität erkannten, setzten dann aber eine Aufwertung des Anbaugebiets Vernaccia di San Gimignano zur DOCG, der höchsten in Italien bekannten Qualitätsstufe, durch und bewahrten den Wein vor dem Verschwinden.

Die Ironie der Geschichte ist aber, dass sich der Vernaccia dann nicht primär wegen seines ursprünglich ausdrucksstarken Aromenreichtums wieder fest im Kanon der beliebten italienischen Weißweine etablieren konnte, sondern, weil er sich in seiner Stilistik eher den neutraleren Weinen anpasste. Die meisten Vernacciaweine, die heute auf dem Markt erscheinen, sind von mittlerem Körper und von zarter Aromatik. Damit erweisen sie sich als ideale Begleiter der leichten Fischküche. Und gut gekühlt sind sie auf der sommerlichen Terrasse ein Hochgenuss und wecken Sehnsüchte nach unbeschwerten Urlaubstagen im Süden.

Chianti

Kein anderer Rotwein wird so sehr mit der Toskana, vielleicht sogar mit ganz Italien assoziiert, wie der Chianti. Im Herzen der großen, zwischen Florenz und Siena gelegenen Region liegt das Kerngebiet, die DOCG Chianti Classico.

Der Hauptbestandteil eines jeden Chianti ist die Sangiovese-Traube, die mit jungfruchtigen Kirscharomen, präsenter Säure, mittlerem Körper und spürbaren Gerbstoffen aufwartet. Die meisten Chiantis kommen aus Cuvées unterschiedlicher Rebsorten auf den Markt. Stets dominiert der Sangiovese, eine ausgezeichnete Rotweinsorte, die seit der Antike in Italien hochgeschätzt wird. An ihrer Seite stehen als Verschnittpartner beispielsweise der milde Canaiolo, der die oft sehr präsente Säure des Sangiovese ausbalanciert, sowie der Colorino, der für kräftigere Farbe sorgt.

Während Chiantiweine früher hauptsächlich in botti, großen Eichenfässern reiften, kommen heute immer mehr die kleineren Barriques zum Einsatz, die den Weinen mehr Komplexität verleihen. Meist kommen diese Chiantis dann als Riserva, länger gereifte, komplexere Weine mit deutlichen würzigen Komponenten auf den Markt.

Vino Nobile di Montepulciano

Auch der Vino Nobile wird aus der Sangiovese-Traube erzeugt, wobei ein bestimmter Klon der Sorte, Prugnolo, zum Einsatz kommt. Der Vino Nobile di Montepulciano war Italens erster Wein, der den DOCG-Status und damit die höchste Qualitätsstufe vorweisen konnte.

Vor den Toren der Stadt Montepulciano herrschen beste Bedingungen für den Anbau dieser Traube. Drei Faktoren sorgen dort für ausgezeichnete Qualität: Die Hänge sind sanft geneigt und ermöglichen eine gute Sonneneinstrahlung. Die Höhenlage sorgt für moderate Temperaturen und eine langsame, stetige Reife. Der Lehmboden ist reichlich mit kalkreichen Meeresablagerungen durchsetzt. Das lockert den Untergrund auf. Regen kann rasch in untere Schichten ablaufen, sodass die Reben nur maßvoll Feuchtigkeit aufnehmen und daher kompakte, sehr konzentrierte Trauben entwickeln.

Für die Herstellung des Vino Nobile gelten ähnliche Vorschriften wie für den Chianti Classico Riserva. Eine längere Fass- und Flaschenreifung ist daher obligatorisch und verhilft dem Wein zu Reife und Komplexität.

Brunello di Montalcino

Ein weiterer Qualitätswein aus der Sangiovese-Traube kommt aus der DOCG Brunello di Montalcino, die sich südlich von Siena befindet. Grundlage des sortenrein gekelterten Weins ist ein sehr kräftiger Klon namens Sangiovese Grosso. Vom herkömmlichen Sangiovese unterscheidet sich diese Sorte durch kleinere Beeren, konzentriertere Frucht, höheren Gerbstoffgehalt und bessere Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge und Krankheiten.

Die Weingärten von Montalcino liegen auf durchschnittlich 350 m ü.M. Hier dominieren Lehm- und Tonschieferböden. Die Rebdichte bei älteren Beständen beträgt 1600 Reben / ha, Neuanpflanzungen weisen eine höhere Dichte von 2500 Reben auf. Daher müssen die Rebstöcke um Nährstoffe und Feuchtigkeit konkurrieren, was dazu beiträgt, dass die Erträge gering gehalten werden.

Nach der Gärung in Edelstahltanks lagert der Brunello meist etwa drei Jahre in Barriques und anschließend noch für etliche Monate auf der Flasche. Bevor er in den Verkauf gelangt, muss er eine mindestens vierjährige Reifezeit durchlaufen haben.

Mit seinem Aromenreichtum ist ein guter Brunello ein Wein zum Meditieren! Noten von Amarenakirsche, Mandel, Brombeere und Backpflaume wechseln sich ab mit Aromen des Eichenfasses wie Zimt- und Vanilledüften. Mit seinem samtigen, vollen Körper begleitet er hervorragend Braten, Filetsteaks und Wildgerichte.

Die "Super-Toskaner"

Viele Erzeuger der Toskana bereiten auch außerhalb des Qualitätswein-Reglements hervorragende Weine. Sie stellen die traditionellen Produktionsmethoden infrage und setzten sich für innovative Verfahren ein. Dies zielt insbesondere auf die Wahl der Rebsorten ab.

In den 1960er Jahren begannen einige Winzer mit Cabernet Sauvignon und später auch mit anderen internationalen Edelreben, die ursprünglich nicht in der Toskana heimisch waren, zu experimentieren. Bald stellte sich heraus, dass die Qualität so außerordentlich war, dass rasch eine große Nachfrage einsetzte.

Anfangs konnten diese Weine und viele ihrer Nachfolger lediglich unter der Bezeichnung Vino da Tavola, der untersten Qualitätsstufe, die das italienische Weinrecht vorsieht, auf den Markt gebracht werden: Ungeachtet ihrer tatsächlichen Qualität, entsprachen ihre Produktionsmethoden nun einmal nicht den für Qualitätsweine vorgeschriebenen Richtlinien. So entwarf man für sie attraktive Markennamen, die bald eine große Anziehungskraft auf Weinfreunde in aller Welt entwickelten. Zu diesen gehören der "Tignanello", der "Sassicaia" oder der wenn auch nicht ganz so renommierte, aber dennoch von Kennern hoch gelobte "Farnito", ein sortenreiner Cabernet Sauvignon, den das Weinhaus Carpineto nahe der Stadt Montepulciano anbaut.

Mittlerweile sind viele der "Super-Toskaner" zum "Landwein", dem nächst höheren Qualitätslevel, heraufgestuft worden, einige von ihnen besitzen sogar bereits DOC-Status (die zweithöchste Qualitätsstufe), woran sich zeigt, dass diese Weine, viele Jahrzehnte nach ihrem ersten Auftauchen, zunehmende Akzeptanz auch bei den traditionsverliebten italienischen Wein-Behörden genießen.

Umbrien

Das südlich an die Toskana grenzende Umbrien steht zuweilen etwas im Schatten seines berühmten Nachbarn. Dabei lohnt sich ein Besuch unbedingt: Einerseits ist Umbrien reich an kulturellen Sehenswürdigkeiten wie etwa dem Pilgerziel Assisi. Andererseits wartet die Region mit einer äußerst ansprechenden Natur auf. Letztgenannte trägt auch dazu bei, dass in Umbrien sehr gute Weine entstehen.

Umbrien

Dass das in Mittelitalien gelegene Berg- und Hügelland der Weinrebe exzellente Wachstumsbedingungen bietet, weiß man seit der Antike. Auch in Umbrien waren es die Etrusker, die den Weinbau begründeten. Sie taten das mit gutem Grund, hatten sie doch erkannt, dass die von der Sonne beschienenen Hänge die Trauben gut reifen lassen. Später legten die Weinbauern ihr Augenmerk auf die Höhenlagen, weil dort das kühlere Klima zu besonders aromatischen Weinen beiträgt.

Lange Zeit war Umbrien für seinen Orvieto bekannt, einen frischen, ansprechenden, zuweilen aber recht einfachen Weißwein aus der Trebbiano-Traube. Mittlerweile tritt die Region zunehmend mit guten Rotweinen ins Rampenlicht, die sich als preisgünstige Alternativen zum Chianti präsentieren.

Torgiano & Montefalco

Unter den Rotweinsorten Umbriens dominiert der Sangiovese. Besonders im hügeligen Terroir des in der Provinz Perugia gelegenen Anbaugebiets Torgiano ergibt er aromatische Weine von einer Qualität, die selbst das strenge "Oxford Wein Lexikon" anerkennt: Die Weine der Region Torgiano bewiesen, "dass die Sangiovese-Traube auch außerhalb der Toskana hervorragende Ergebnisse bringen kann, die sich mit dem Chianti Classico durchaus messen können." Auch im zwischen Assisi und Terni gelegenen Bereich Montefalco bringt der Sangiovese sehr ansprechende Qualitäten hervor.

Das moderne Umbrien: der Weinmacher Riccardo Cotarella

Während Torgiano und Montefalco eher das traditionelle Umbrien repräsentieren, macht das Gebiet seit einigen Jahren auch als Herkunft innovativer, moderner Cuvées von sich Reden.

Entscheidenden Anteil daran hat der Önologe Riccardo Cotarella. Mit seiner Weinbergsarbeit verschafft er den Reben jene Rahmenbedingungen, in denen sie ihre natürlichen Eigenschaften in punkto Farbe, Duft und Geschmack bestmöglich zum Ausdruck bringen können. Und in der Kellerei versteht er es, Trauben unterschiedlicher Rebsorten zu sehr harmonischen Cuvées zusammen zu fügen. Wie für viele seiner Kollegen spielt auch Cotarella die Sangiovese-Traube eine tragende Rolle. Da er sie aber zuweilen für zu säurebetont und frisch hält, stellt er ihr mit dem Merlot einen Verschnittpartner an die Seite, der für Fülle, Körper und eine gewisse Opulenz sorgt.

Mit seinen Rotweinen ist es Riccardo Cotarellla gelungen, eine stilistische Alternative zur Toskana zu schaffen, die sich international großer Beliebtheit erfreut und das Weinspektrum Italiens um eine attraktive Variante erweitert hat.