Weinbauregionen in Europa - Teil 1:
Italien - Piemont und Venetien
Italien lässt die Herzen vieler Weinkenner höher schlagen, denn das Land steht nicht nur wegen seiner Größe an der Weltspitze, sondern vor allem wegen der großen Bandbreite genussreicher und niveauvoller Weine.
Rund 1 Million Hektar Reben bedecken das Land vom Aostatal bis nach Sizilien. Damit liefert es sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Frankreich, das eine vergleichbare Größe aufzuweisen hat.
Für viele Weinfreunde überraschend ist die Tatsache, dass in Italien überwiegend Weißweine erzeugt werden. Von etwa 60 Mio. Hektolitern entfällt gut die Hälfte auf Weißweine, während der Rest von Rot- und Roséweinen abgedeckt wird.
Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher geographischer und klimatischer Zonen bietet das Weinland Italien eine schier unüberschaubare stilistische Vielfalt. Hinzu kommt, dass sich Hunderte unterschiedliche Rebsorten im Anbau befinden. Wenden wir uns also nur einer Auswahl wichtiger Anbaugebiete, Trauben und Weine zu!
In diesem Newsletter machen wir den Anfang mit dem Piemont und Venetien, In weiteren Newslettern wenden wir uns den Weinbauregionen Toskana, Umbrien, Apulien und Sizilien zu.
Das Piemont
Unsere Weinreise von Nord- nach Süditalien beginnt im Piemont, jener Qualitätsweinregion, die buchstäblich - wie der Name besagt - zu Füssen der Berge, namentlich der Alpen, liegt.

Die Weinbaukultur des Piemont reicht Jahrtausende zurück. Schon mehrere Jahrhunderte vor Christus hatten die Griechen und Etrusker dort Reben angebaut. Die Römer hingegen schätzten den Wein vom Fuße der Alpen nicht so sehr, und nach dem Untergang des römischen Reiches kam auch der Rebbau vorübergehend zum Erliegen.
Erst im 13.Jahrhundert sorgten Klöster dafür, dass die Weinbaukultur sukzessive wiederbelebt wurde. Im 16. Jahrhundert wird in einer Chronik der Gemeinde La Morra dann erstmals der Name "Nebiolum" vermerkt. Heute zählt die Nebbiolo-Traube zu den edelsten Rotweinsorten Italiens und steht Pate für 12 Qualitätswein-Bereiche, deren berühmteste Barolo und Barbaresco sind. Freilich darf nicht übersehen werden, dass der Nebbiolo bei aller Wertschätzung, die er weltweit genießt, nur drei Prozent des Piemonteser Weins ausmacht. Mengenmäßig weit wichtiger sind die ertragreichen roten Sorten Dolcetto und Barbera sowie die weißen Trauben Moscato und Cortese. Letztgenannte läuft im Anbaugebiet Gavi zu großer Form auf.
In der hügeligen Landschaft zwischen Alpen und Apennin stehen 55.000 Hektar unter Reben. Die Böden bestehen vorwiegend aus Mergel, Kalk, Lehm und Tuffgestein. Im kontinentalen Klima herrschen kalte und feuchte Winter vor, während die Sommer warm und reich an Sonnenschein sind.
Gavi
Obwohl das Piemont besonders für seine großen Rotweine bekannt ist, entstehen dort auch bemerkenswerte Weiße. Einer davon stammt aus der DOCG Gavi im Südosten der Region.
Der Gavi wird aus der Cortese-Traube gekeltert. Sie wächst rund um die gleichnamige Stadt, wobei die nach Süden ausgerichteten Hänge die besten Qualitäten hervorbringen. Stilbildend für den Gavi ist nicht nur sein sauberer, feinfruchtiger Duft, sondern auch eine mineralische Note, die von den Kalksteinböden, auf denen die Traube gedeiht, herrührt. Am Gaumen präsentiert sich der Wein typischerweise mit trockenem Geschmack und kräftiger Säure.
Nachdem die Cortese-Trauben noch vor 40 Jahren primär zur Erzeugung mehr oder weniger feiner Spumanti (Schaumweine) genutzt worden waren, erkannte man erst in den siebziger ihren Wert für ausdrucksstarke trockene Stillweine. Ein Boom setzte ein, und über Jahre hinweg galt der Gavi als teuerster Weißwein Italiens. Heute ist es stiller um ihn geworden, aber noch immer schätzen ihn Italienkenner als exzellenten Tischbegleiter, der insbesondere mit Fisch und Meeresfrüchten harmoniert.
Barbera
Die rote Barbera-Traube zählt zwar nicht zur Spitzenklasse des Piemonts, hat sich aber im Lauf der Jahre eine Stellung als geachtetes Mitglied im Reigen der dortigen Rebsorten erworben.
Die besten Barberas stammen aus den DOC-Regionen Asti, Alba und Monferrato.
Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Stile: Wer die Sauerkirscharomen und die präsente Säure schätzt, greift am besten zu jungen Barbera-Weinen. Diese eignen sich hervorragend als Begleiter der einfachen, italienischen Küche (Pizza, Pasta, Antipasti).
Freunde komplexerer Weine wählen dagegen gereifte Barberas. Damit Weine dieser Art überhaupt das erforderliche Reifepotenzial erlangen, ist es wichtig, im Weinberg die Erträge zu zügeln. Je weniger Trauben am Rebstock hängen, desto konzentrierter und aromatischer entwickeln sie sich. Qualitätsorientierte Winzer pflanzen die Reben, die sie für die besseren Qualitäten vorsehen, zudem in Lagen mit ausgeprägten Tag-Nacht-Temperaturschwankungen an. Dort dauert die Reifeperiode länger, was wiederum der Aromenentwicklung zuträglich ist. Im Keller reifen die Weine sodann in Barriques, wobei ihre charmante Frucht durch Röstnoten und zusätzliche Gerbstoffe des Eichenholzes abgerundet wird.
Nebbiolo
Die Nebbiolo-Traube ist eine alte, einheimische Rebsorte, die ihren Ursprung wahrscheinlich im Aostatal hat, heute aber praktisch nur noch im Piemont anzutreffen ist. Ihr Name stammt von den in den Tälern hängenden Herbstnebeln, in denen sie sich ausgesprochen wohl fühlt. Die besten Nebbiolo-Weine gedeihen im Süden des Piemonts, wo das Klima mit milden Wintern und warmen Sommern zwar mediterran ist, die höher gelegenen Berghänge jedoch für kühle Wachstumsbedingungen sorgen. Es ist die Kühle, die die Reife der Nebbiolo-Traube in die Länge zieht. Die herbstlichen Nebel, die sich erst in den späten Vormittagsstunden auflösen, sorgen zusätzlich für eine Absenkung der Temperaturen.
Zu den berühmtesten Nebbiolo-Anbaugebieten zählt die DOCG Barolo. Benannt nach einem Dorf südwestlich von Alba, wachsen die Reben auf kargen, gut entwässernden Hängen, die den Ertrag auf natürliche Weise zügeln.
Traditionell reift der Barolo einige Jahre in großen Holzfässern (nicht in den kleineren Barriques). Frühre waren Baroli aufgrund sehr langer Maischesstandzeit recht körperreich und tanninstark. Sie brauchten eine jahrelange Reifung, um ihre Strenge und Herbe abzulegen und zugänglicher zu werden. Heute hat man den Stil dem Zeitgeist angepasst. Häufig werden die Weine nicht mehr solange eingemaischt und darüber hinaus im neuen Barrique ausgebaut.
Preislich und qualitativ ist der Barbaresco eine gute Alternative zum Barolo. Er gilt als weniger konzentriert, milder und daher weniger reifebedürftig. De facto dürfte es aber nur ausgewiesenen Nebbiolo-Fachleuten möglich sein, beide Weine unzweifelhaft auseinander zu halten.
Venetien
Mit Venetien tritt eine weitere wichtige Anbauregion auf den Plan, deren Weine mehr oder weniger durch die Nähe der Alpen geprägt sind. Der mondäne Skiort Cortina d'Ampezzo bildet den Nordzipfel Venetiens, während die Mündung des Po in die Adria die Südgrenze markiert.

Nach Apulien und Sizilien ist das Veneto in punkto Produktionsmenge die drittgrößte Weinregion Italiens. Seine Weinhochburgen befinden sich zum einen in der Prosecco-Region, insbesondere in der Region um Conegliano und Valdobiadene und zum anderen zwischen Verona und dem bei Touristen hoch beliebten Gardasee.
Prosecco
Wer schon einmal im Veneto Urlaub gemacht, lauschige Restaurants und adrette Weingüter kennengelernt hat, ist schnell versucht, den herzlichen und gastfreundlichen Venezianern eine "überschäumende Lebensfreude" zu attestieren. Ganz gleich, ob es sich hierbei lediglich um ein Stereotyp Italienbegeisterter Urlauber handelt, oder wirklich einen Kern Wahrheit enthält: auf eine der wichtigsten venezianischen Weinspezialitäten trifft diese Charakteristik tatsächlich zu: den prickelnden Prosecco, der sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem regelrechten "Export-Schlager" entwickelt hat.
Die Geschichte des prickelnden Prosecco begann, als man in der Hügellandschaft von Conegliano und Valdobiadene aus einem Missgeschick einen neuen Weintypus machte. Die früher als Prosecco, heute als Glera bezeichnete Rebsorte, aus der die Winzer seit jeher ihre Weißweine bereiteten, hat nämlich die Eigenart, einige Monate nach Abschluss der Gärung ein zweites Mal zu gären. Als Nebenprodukt entsteht dabei Kohlensäure. Das machte sich ein gewisser Antonio Carpenè zunutze und kreierte den schäumenden Prosecco.
Die ersten, die den Reiz dieses neuen Weintypus entdeckten, waren die Bürger von Venedig. Sie machten ihn zu ihrem Leib- und Magengetränk. Die "Ombretta", das Gläschen Prosecco für zwischendurch, zur Erfrischung, gegen den Durst oder als Aperitif, ist in den Bars von Venedig ebenso populär wie ein Espresso.
Prosecco-Freunde können heute zwischen zwei Varianten wählen: Der "Frizzante" (Perlwein) wartet mit geringerem Kohlensäuregehalt auf und gibt sich leicht und beschwingt, während der "Spumante" (Schaumwein) körperreicher, vollmundiger und mit kräftigerem Prickeln daherkommt.
Der Prosecco ist ein ideales Sommergetränk: erfrischend, durstlöschend und meist mit einem sehr bekömmlichen geringen Alkoholgehalt versehen. Gut harmoniert er mit Fischgerichten und Meeresfrüchten. Und als Aperitif bzw. Begrüßungstrunk erfreut er sich größter Wertschätzung.
Soave
"Ein guter Soave schmeckt, wie ein strahlend blauer Sommerhimmel - wenn man den denn trinken könnte!" So oder ähnlich soll es ein englischer Literat ausgerufen haben, als er diesen hoch attraktiven Wein aus dem Süden Venetiens kennenlernte. Tatsächlich war der Weißwein dieses kleinen Qualitätsweingebiets nahe Verona eine Zeitlang hoch beliebt - so beliebt sogar, dass sich die Winzer der Region dazu hinreißen ließen, immer mehr davon anzubauen. Stück für Stück weiteten sie ihre Rebflächen bis in die fruchtbare Po-Ebene aus, was zur Folge hatte, dass die Garganega-Rebe, aus der der Soave gekeltert wird, immer dünnere, flachere Weine hervorbrachte.
Qualitätsorientierte Winzer haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Ehre des Soave wiederherzustellen. Sie bauen ihre Trauben nur dort an, wo sie wirklich gute Qualität erzielen können: im Hügelland oberhalb der Po-Ebene. Dort sind die Böden steiniger und karger, weshalb die Rebstöcke, weil ihnen weniger Nährstoffe und Feuchtigkeit zur Verfügung stehen, kleinere und damit konzentriertere Trauben ausbilden. Darüber hinaus ist das Klima in den höheren Lagen deutlich kühler als in der Ebene. Die Trauben brauchen also länger, um reif zu werden und erhalten damit auch mehr Zeit, ihren aromatischen Reichtum zu entfalten.
Valpolicella
Corvina, Rondinella und Molinara, so heißen die Trauben, aus denen einige der attraktivsten Rotweine Italiens bereitet werden. Ihre Heimat ist das kleine Qualitätsweingebiet Valpolicella, das im Wesentlichen zwei Weintypen hervorbringt.
Der "einfache" Valpolicella ist ein ansprechender Rotwein von mittlerem Körper. Mit seiner feinen Kirschfrucht, die gelegentlich von Mandelaromen und Kräuteranklängen begleitet wird, eignet er sich hervorragend als Begleiter der einfachen bis gehobenen italienischen Küche. Im Stil vergleichbar, wenn auch weniger komplex ist übrigens der am Ufer des Gardasees wachsende Bardolino.
Der Amarone della Valpolicella ist hingegen ein Rotwein von allerhöchstem Niveau. Schon die Art seiner Herstellung lässt aufhorchen. Die Trauben werden nämlich nicht direkt nach der Lese eingemaischt und vergoren, sondern machen einen Umweg über gut belüftete Trockenräume, in denen sie einige Zeit gelagert werden, um zu rosinieren. Das Resultat ist ein monumentaler Rotwein, der ein hohes Maß an aromatischer Konzentration, Dichte und Komplexität aufzuweisen hat. Ein guter Amarone zählt zu den feinsten Spezialitäten des Weinlands Italien und spielt auch international in der Spitzenklasse mit.

