Der Viniversitaet Buchtipp:
Zwei Atlanten für Weinenthusiasten

Weinfreunde leben heute in einer grandiosen Zeit. Nie zuvor war das Angebot an guten Weinen größer. Die letzten fünf Jahrzehnte gehören zu den ereignisreichsten in der Geschichte des Weins. Galt der Wein noch in den 60er Jahren als reichlich elitäres Getränk, so etablierte er sich ab den 70ern peu à peu in der Alltagskultur vieler Gesellschaften. Mit der Nachfrage wuchs das Angebot, und das wachsende Angebot lockt weitere Genießer an. Immer mehr Länder rund um den Globus entdeckten, welch chancenreiche Weinbaumöglichkeiten ihre Klimabedingungen, ihre Natur und Topografien bergen. Ab den 80er Jahren setzten die Winzer der Neuen Welt Meilensteine, indem sie Weinstile entwickelten, die gleichsam über Nacht große Popularität erlangt haben. Und seit den 90ern setzen die Winzer in den Ländern Ost- und Südosteuropas eigene Akzente mit hochinteressanten Weinen aus bislang weitgehend unbekannten Trauben.

Kurz: die Vielzahl der Rebsorten, Erzeuger und Anbaugebiete ist heute schier unermesslich - und mit ihr ist es die Vielzahl unterschiedlicher Weinstile. Ob steiniger Steilhang oder sandige Ebene, kontinentaler oder maritimer Einfluss - je nachdem auf welchem Untergrund und in welchem Klima eine Rebe gedeiht, schmeckt der daraus resultierende Wein sehr verschieden. Aber nicht nur die Stile, sondern auch die Qualitäten differieren stark. Weinliebhaber, die diesem Phänomen auf den Grund gehen wollen, finden in zwei umfassenden Nachschlagewerken Antworten auf viele Frage.

Hugh Johnson / Jancis Robinson
Der Weinatlas, 6. Ausgabe
HALLWAG Verlag München
400 Seiten, 250 Illustrationen und 200 Karten
69,90 € (D) / 71,90 € (A)

In der sechsten Auflage ihres "Weinatlas" haben Hugh Johnson und Jancis Robinson alle wichtigen Weinbauregion und Lagen der Welt detailliert unter die Lupe genommen. Kenntnis- und anekdotenreich, kurzweilig und informativ führt das britische Autorenduo seine Leser durch alle Kontinente und zu den bedeutendsten Weinen und Winzern. So erfahren Weinliebhaber, seien es Einsteiger, Fortgeschrittene oder Profis, was das Besondere an dem jeweiligen Anbaugebiet ist und wie es seine Weine prägt. Johnson und Robinson präsentieren in ihrem Weinatlas mehr als 200 Karten, die die geografischen Hintergründe der Weine aus fünf Kontinenten erläutern. Zahlreiche Farbfotos und Weinetiketten-Bilder runden die Darstellung ab. Auf Letztgenannte, die seit jeher fester Bestandteil des Weinatlas sind, könnte freilich zugunsten einer noch übersichtlicheren Darstellung verzichtet werden.

Stark sind die in der sechsten Auflage neu hinzugekommenen Passagen, die sich auf aktuelle Entwicklungen und Umwälzungen in der Welt des Weins beziehen. Wer wissen möchte, wie sich die globale Erwärmung auch auf den Rebenanbau auswirkt, wer sich für Charakteristika und Eigenheiten der sogenannten "autochthonen Trauben" interessiert, die ausschließlich in spezifischen Gebieten anzutreffen sind und der Weinwelt ganz neue Geschmackshorizonte eröffnen, findet im Weinatlas kompetente Informationen. Schließlich tragen Johnson und Robinson auch dem zunehmenden Interesse am Bio-Weinbau Rechnung, zudem beleuchten sie, verständlich dargestellt, das Entstehen neuer Anbaugebiete in Asien.

Dieter Braatz, Ulrich Sautter, Ingo Swoboda, Fotos von Hendrik Holler
Weinatlas Deutschland
HALLWAG Verlag, München
280 Seiten
59,90 € (D) / 61,60 € (A)

Weinfreunde, die lieber darauf verzichten möchten, "in die Ferne zu schweifen, weil das Gute doch so nah liegt", finden sicherlich Gefallen am "Weinatlas Deutschland", zumal die Qualität und damit auch die Popularität der heimischen Gewächse seit Jahren beträchtlich steigt. Das Autorenteam Dieter Braatz, Ulrich Sautter und Ingo Swoboda legt zusammen mit dem Weinfotografen Hendrik Holler das bisher umfangreichste Standardwerk zum deutschen Wein vor.

Von Baden über das Rheingau bis nach Sachsen würdigen die Autoren jede deutsche Weinregion. Auf Schritt und Tritt begegnet der Leser der Überzeugung, dass nirgendwo sonst auf der Welt die Verschiedenheit der Weinstile so stark auf den klimatischen Bedingungen und geologischen Gegebenheiten beruht wie in Deutschland. Deshalb weichen die Autoren auch von der weithin üblichen Einteilung des Weinlands Deutschland in 13 Anbaugebiete ab und widmen auch bedeutenden Subregionen, beispielsweise der Saar und dem Taubertal, eigene Kapitel. Ebenso detailliert wie eingängig zeigen sie auf, wie die jeweiligen Klimabedingungen, die geologische Vielfalt und die Qualität der Lagen den Geschmack der Weine beeinflussen. Mehr als 500 Lagenporträts geben Aufschluss, wo sich welcher Weinberg befindet und wie er qualitativ einzuordnen ist.

Ein besonderes Plus dieses Buches ist die Klassifizierung der einzelnen Terroirs, die von "besonders privilegiert" über "privilegiert" und "gut" bis "ohne spezielle Auszeichnung" reicht. "Eine solch starke Differenzierung erwies sich während der Arbeit an diesem Projekt als sinnvoll", bemerken die Autoren. "Einerseits gestattet sie es, den Naturgegebenheiten in ihrer ganzen Streubreite gerecht zu werden. Andererseits sahen wir uns bei der Beurteilung zahlreicher Lagen auch genötigt, menschlich verursachte Faktoren mit in die Klassifikation einzubeziehen: Weinberge können auch darin, wie sie bearbeitet werden und auch in der Art, wie ihr Rang administrativ oder politisch erhalten wird, mehr oder weniger "privilegiert" sein".

Ausgezeichnete Karten und brillante Fotos runden dieses Gesamtwerk des deutschen Weins ab und lassen selbst bei kritischen Lesern kaum Wünsche offen. "Ich ziehe den Hut vor der Fachkenntnis und der Sorgfalt, mit der dieses Buch geschrieben wurde", bemerkt Hugh Johnson in seinem Vorwort zum "Weinatlas Deutschland". Dem ist nicht hinzuzufügen.

Dr. Rolf Lange

 

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