Rebsorten der Welt - Teil 1
Riesling

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Viniversitaet möchten wir Ihnen eine kleine Serie über Rebsorten anbieten, die in lockeren Folgen in den nächsten Monaten auf unserer Website erscheinen wird. Angesichts der Globalisierung wollen wir einen Blick darauf werfen, welche Rolle diese in Bezug auf hochwertige Rebsorten spielt. Bleiben sie dem Ausdruck ihrer Heimatregion treu? Oder gewinnen sie an anderen Orten der Welt ein anderes Profil? Und wenn das der Fall ist, wie Rieslingverhält es sich damit? Ist dies nur eine gewisse Variation des ursprünglichen Charakters oder vielleicht sogar eine andere Weinpersönlichkeit? Und wie kommt der Weinkenner bei verschiedenen Ausdrucksformen am besten auf seine Kosten? Aber wir wollen auch die Geschichte und das Renommee der Rebsorten nicht außer Acht lassen und nachforschen, wann und wo sie den Gipfel ihres Ruhm erreichten. Der "König der Weißweine", wie ihn seine Liebhaber, aber auch viele Experten nennen, macht den Auftakt. Und er verführt uns dazu, historisch etwas weiter auszuholen.

Apfel, Birne, Pfirsich, Mirabelle, Aprikose, Ananas, Zitrone, Limette, Lindenblüten, Schiefer, Feuerstein, Petroleum... Wie kaum eine andere Rebsorte reagiert Riesling auf das Terroir, auf dem er wächst und drückt es in einer unglaublichen Vielfalt aromatischer Nuancen aus. Mit höheren Zuckerwerten gelesen, gewinnen die Fruchtaromen mehr Süße und es gesellen sich auch Noten von Mandeln, Marzipan und Honig dazu. Während von Lage zu Lage Aromen und Nuancen variieren, immer bleibt doch eindeutig erkennbar, dass es sich um Riesling handelt. Bei aller Vielfalt, die dies verspricht, werden wir sehen, dass drei Hauptstile überwiegen.

Was die Herkunft angeht, wird Riesling Deutschland zugeordnet. Obwohl er vermutlich schon seit dem Mittelalter existierte, wurde er namentlich zum ersten Mal auf einer Rechnung aus dem Rheingau vom Jahre 1435 vermerkt und 1551 führte ihn Hieronymus Bock als Erster in der heutigen Schreibweise in seinem berühmten lateinischen "Kreuterbuch" auf und erwähnte in der deutschen Übersetzung 1577, dass er an der Mosel, am Rhein und bei Worms wuchs. Im Elsass ist er schwarz auf weiß erst seit 1628 nachgewiesen, aber schon 150 Jahre zuvor fand er Erwähnung. Entwickelt hat sich der Riesling durch Einkreuzungen von weißem Heunisch und Traminer.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg förderten die Kirchenfürsten die Anpflanzung von Riesling, denn man war sich seiner Güte bewusst geworden. Was den Riesling gegenüber anderen Rebsorten auszeichnete, war die köstliche Süße, die er in großen Jahren entwickelte. Verbunden mit seiner rassigen Säure ergab sie Weine von unerhörter Haltbarkeit. Wenn die Natur sie nicht durch erstklassige Reifebedingungen schenkte, las man lieber frühzeitig, um Graufäule zu vermeiden, und verstand es, mit altbewährten Methoden wie Einkochen oder Rosinierung der Trauben bei der Süße nachzuhelfen. Die oft günstigen Wetterbedingungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts veranlassten die Winzer, den Riesling zunehmend sortenrein auszubauen.

Immer wieder gab es Jahrgänge mit sehr reifen oder auch mit Edelfäule befallenen Trauben, die erstklassige Süßweine bescherten. Aber das war ein Spiel des Zufalls - bis zur Weinlese im Herbst 1775. Üblich war es auf den großen Gütern, dass der Gutsherr den Lesebeginn befahl. So auch auf Schloss Johannisberg im Rheingau, einst ein berühmtes Benediktinerkloster, dessen Gründung auf Karl den Großen zurückgeht. Anfang des 18. Jahrhunderts war es von dem Fürstbischof von Fulda erworben worden, der das Schloss errichten und den Südhang über dem Rhein mit Riesling bestocken ließ. Als sich 1775 die Reife der Trauben ankündigte, entsandte der Verwalter wie üblich einen berittenen Kurier zum Rieslingsieben Tagesritte entfernten Fulda, um die Erlaubnis für die Weinlese vom amtierenden Fürstbischof einzuholen. Was dem Boten auch immer widerfahren sein mag, er verspätete sich erheblich, denn als er zurück auf Schloss Johannisberg eintraf, waren die Trauben bereits stark von Fäulnis befallen und hatten zu schrumpfen begonnen. Was blieb dem erbosten Verwalter anderes übrig, als das faule Lesegut einzubringen? Mit größter Skepsis verfolgte er die Entstehung des Weins. Zu seiner Verblüffung musste er feststellen, dass sich der Riesling vorzüglich entwickelte und eine großartige, hinreißend süße, feinwürzige, golden schimmernde ........ Spätlese ergab.

Von nun an verbreitete sich die Methode. Absichtlich verzögerten Winzer fortan den Lesebeginn und sahen mit froher Erwartung der Entwicklung von Rosinierung am Stock und Edelfäule zu. Die kirchlichen Güter übernahmen die Rolle der Pioniere, gaben den Lesezeitpunkt frei und förderten die Erzeugung von Riesling-Raritäten, die später mit Prädikaten wie Auslese, Beerenauslese und Trockenbeerenauslese bezeichnet wurden. Nachdem Kaiser Franz I. 1816 Schloss Johannisberg seinem Kanzler Fürst Metternich aus Dank überschrieben hatte, begann auf dem Gut eine rigorose Selektion der Spitzenqualitäten. Mit Hilfe einer gewissen Familie Rothschild wurden die mit Echtheitsgarantien versehenen Flaschen international als Spitzenweine vermarktet. Der Ruf der edelsüßen Rieslinge erreichte im 19. Jahrhundert seinen Gipfel und die für sie bezahlten Preise überflügelten die der berühmtesten Bordeaux-Châteaux!

Rheingau und Mosel waren die gefragtesten Herkünfte, aber andere Gebiete, insbesondere die Mittelhaardt in der Pfalz, zogen nach. Dabei stellte sich heraus, dass der Riesling arme, steinige Böden bevorzugt und die besten Weine auf Schiefer- oder Granitverwitterungsböden ergibt, doch auch auf Lehm kann er überzeugen. Außerdem bewährt er sich in nördlichen Regionen, aber dort nur auf den besten, mildesten, aber auch steilsten, oft über Flüssen aufsteigenden Lagen, wo er langsam zur Reife gelangt. Dann entwickelt er intensive Aromen, oft deutliche Mineralität und eine wunderbar rassige Säure.

Leider haben wir hier nicht den Platz, die Charakteristiken der deutschen Rieslinge mit einander zu vergleichen. Allgemein aber schätzten Weinliebhaber schon damals - und heute wieder - die besondere Finesse und Frische der deutschen Rieslinge und ihr Spiel zwischen feiner Süße und einer wunderbar eleganten Säure. Leider konnten deutsche Weinerzeuger und Weinhändler Ende des 19. Jahrhunderts der Versuchung nicht widerstehen, die gefragte und im Weinberg nur mit hohem Aufwand und Risiko zu erzielende Süße im Riesling auf künstliche Weise beizusteuern. Damals begann der jämmerliche Niedergang des deutschen Weins. Reblausplage, Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege ließen wenig vom einstigen Ruhm übrig. Beim Neubeginn in den 1960er Jahren setzte man aufs falsche Pferd, nämlich auf Masse statt Klasse. Die Mehrheit der deutschen Weinbauern nahm sich genau das Gegenteil von dem zum Ziel, was Winzer anderer Länder motivierte. Während letztere sich mühten, möglichst hochwertige Weine zu erzeugen, eiferten ihre deutschen Kollegen danach, belanglose, nachgezuckerte Billigheimer zu produzieren. Damals mutete es als schlechter Scherz an, wenn einige Experten herausposaunten, Riesling sei die beste weiße Rebsorte der Welt.

Inzwischen gibt es viele Weinfreunde, die ihnen begeistert zustimmen. Denn - welch ein Glück! - eine neue Generation ist seit den 1990er Jahren mit frischer Motivation und hochgesteckten Zielen angetreten und sie beweist erneut, wie großartig Riesling sein kann. Während man sich in Deutschland oft skeptisch gegenüber den edelsüßen Spezialitäten verhält, sorgen diese im Export, zumal in den USA und Japan, für Furore und erzielen auf Versteigerungen wieder Preise, die ihrem Renommee und ihrer Einzigartigkeit entsprechen. Dabei haben sich die meisten deutschen Winzer vor allem auf trockene Weine konzentriert, die nur gerade genügend Restsüße besitzen, um die Säure abzurunden, aber die Frische und vor allem die Mineralität der Terroirs beeindruckend hervorkehren.

Auch im Elsass erfährt der Riesling eine Renaissance und gewinnt an Boden. Hier stehen die Winzer eindeutig in französischer Tradition und sehen im Riesling - auf den sie in Frankreich (noch) das Monopol haben - in erster Linie einen großen trockenen Weißwein. So geben sie ihm einen höheren Alkoholgrad mit auf den Weg, der - wenn die Natur nicht mitspielt - durch Chaptalisierung erreicht wird, dagegen lassen sie ihn meist durchgären. Allein diese Philosophie gibt den Weinen einen deutlich anderen Stil. Mit Gewürztraminer, Muscat und Pinot Gris zählt Riesling im Elsass zu den vier Edelsorten, die für die 51 Grand-Cru-Lagen zugelassen sind und liefert - im Vergleich - eindeutig die elegantesten und raffiniertesten Weine. Wieder zeigt es sich, dass Riesling hohe Anforderungen an die Lagen stellt. Sein kräftigerer Charakter rührt auch Rieslingvon den tonkalkigeren Böden her, aber nur auf steilen, bestens ausgerichteten Spitzenlagen und mit niedrigen Erträgen erreicht er überragende Qualität. Dann wird er - wenn es der Jahrgang erlaubt - auch als vendange tardive (Spätlese) oder sélection de grains nobles (Beerenauslese) eingebracht. Deutlich seltener als in Deutschland liest man ihn mit Edelfäule. Immer aber bietet er einen volleren Stil, wobei die Spätlese grundsätzlich lieblich ausgebaut wird. Oft in alten Fässern vergoren, geht es den Elsässern weniger um die leichten, frischen Primäraromen, sondern um reife, komplexe, lang anhaltende, gut alternde Weißweine, die dann ausgezeichnet zur feinen Küche passen.

In vielen Ländern wird Riesling angebaut, zunächst in der Nachbarschaft Deutschlands wie in Luxemburg, der Schweiz und in Österreich. Dort ist die Wachau die Hochburg des Rieslings. Vor allem auf ihren Gneis-, Granit- und Schieferterrassen und dank des günstigen Klimas gewinnt der - meist trocken ausgebaute - Riesling eine hervorragende Ausgewogenheit und Mineralität, doch stellt er nur ein Zehntel der Rebfläche. Auch im Kremstal und um Wien werden überzeugende Rieslinge erzeugt, auch wenn er in Österreich mengenmäßig bei weitem nicht die Bedeutung spielt wie der Welschriesling, mit dem er nicht verwandt ist. Dieser dominiert auch weiter im Osten Europas, wo der Riesling aufgrund des wärmeren Klima viel von seiner Finesse einbüßt. Nur in günstigen Lagen Südtirols, Friauls, Sloweniens, Kroatiens und der Tschechischen Republik kann er überzeugen.

Eine Sonderrolle in der Welt des Rieslings spielt Ontario in Kanada, wo man aufgrund der klimatischen Verhältnisse entschieden mehr Eiswein erzeugt als in Deutschland. Ohne Probleme erreicht man dort durch extreme, sich regelmäßig einstellende Minustemperaturen höchste Mostgewichte und intensive Frucht. Im Stil fallen die Weine kräftiger und weniger filigran aus als ihre deutschen Cousins, was ihrem Erfolg keinen Abbruch tut. In den USA war der Riesling in Ungnade gefallen, doch der Enthusiasmus, mit dem inzwischen deutsche edelsüße Weine willkommen geheißen werden, beginnt auf die Winzer abzufärben. Bislang sind es aber Individualisten, die in Washington und Oregon und in kühleren Lagen zwischen San Francisco und Los Angeles frische und finessenreiche Rieslinge vinifizieren. Obwohl er auch in Argentinien und Chile in recht beachtlichem Maße angepflanzt wurde, werden erst in letzter Zeit in Chile in neuen kühlen Gebieten nahe des Ozeans reizvolle Rieslinge vinifiziert.

Kühles Klima ist auch der Vorzug Neuseelands, wo Riesling vor gut 40 Jahren "einwanderte". Während man deshalb ohne Probleme eine gute Frische in den Weinen erzielt, fehlt es diesen oft an Ausdruck. Doch auch hier haben sich einige Winzer, vor allem auf der Südinsel, dem Riesling verschrieben und haben mit aromatischen, lebendigen, teils auch edelsüßen Weinen Erfolg. Doch noch fehlt es an einem eigenen Stil. Den haben die australischen Nachbarn entwickelt, vor allem im Clare Valley und Eden Valley, während das kühlere Klima in Tasmanien für leichtere, florale Weine sorgt.

Wer zum ersten Mal einen Riesling aus Südaustralien probiert, wird völlig überrascht sein. Man begegnet einem völlig trockenen, körperreichen Weißwein mit prägnanten Zitrusaromen und markanter Mineralität. Hier zeigt sich Riesling von einer ganz anderen Seite. Riesling kam um 1850 mit schlesischen Einwanderern auf den fünften Kontinent und vor allem nach Barossa. In dem heißen Klima wandelte er von Natur aus sein Profil, spielte von der Fläche vor dem Siegeszug des Chardonnay eine wichtige Rolle, ohne wirklich überzeugende Qualität zu erreichen. Dies änderte sich mit der Entwicklung in den gemäßigteren Regionen des Clare Valley und des Eden Valley. Dort finden sich höhere Lagen mit starken täglichen Temperaturschwankungen, die den Trauben helfen, aromatische Intensität zu entwickeln und eine Portion natürlicher Säure zu bewahren. Gern trinkt man diese Rieslinge jung wegen ihrer Nervosität. Sie besitzen aber eine exzellente Struktur, die sie gut über ein Dutzend Jahre reifen und dabei voller und komplexer werden lässt. Dabei stellen sich typische Röstnoten ein, ohne dass diese Rieslinge in Barriques ausgebaut worden wären. Die Qualität dieser Weine und der Nachdruck, mit dem die Australier darauf seit den 1990er Jahren hinwiesen, haben wesentlich dazu beigetragen, dem Riesling seine weltweite Renaissance zu bescheren.

Von André Dominé