Öl und Wein in Bardolino

Neues vom Weinglobetrotter.

"Barrrdolino!" knarzt die Stimme des Kapitäns aus dem Bordlautsprecher, den nächsten Hafen ankündigend. Ich war mit dem Schnellboot von Salò aus über den Gardasee gekommen. Schneidig war der Katamaran über die glatte Wasserfläche geeilt, die an diesem Morgen so verführerisch grün schimmerte, wie das Glas einer guten Flasche Wein. Ich hatte den kühlen Fahrtwind genossen, flitzenden Motorbooten nachgeschaut und den Blick auf Berghänge genossen, die mit einem Potpourrie aus Zypressen, Felsen und Palazzi ein gerade verschwenderisches Panorama boten. Noch einmal lässt der Kapitän seine Stimme erklingen, wobei er das "R" diesmal besonders eindrucksvoll rollt: "Barrrrdolino!"

Schon der Name des kleinen Städtchens mit dem dazugehörenden Anbaugebiet am Südostufer des Gardasees zergeht mir auf der Zunge. Bereits in Studententagen hatte ich mich in den leichten Rotwein verliebt, der mit seiner verführerischen Kirschnote so wunderbar zur einfachen italienischen Küche passt. Erwartungsfroh betrete ich an diesem sonnigen Samstagmorgen den Anleger, und weil ich bis zu meiner heutigen Verabredung reichlich Zeit habe, schlendere ich zunächst gemächlich durch die Gassen des bezaubernden Städtchens. Vorbei am Municipio, dem Rathaus mit der Polizeiwache, deren Fenster verschwenderisch bepflanzte Balkonkästen zieren, führt mich mein Weg zunächst die kleine Hauptstraße entlang. Einige Rechts-Links-Kombinationen später erreiche ich die Via Verdi. Hier betreibt die Tenuta Guerrieri Rizzardi ihr Stadtgeschäft. Es sind kleine, feine Weinhandlungen wie diese, die mein Herz höher schlagen lassen: In dezenten Brauntönen gehaltene Regale offerieren ein exquisites Sortiment. Sauber aufgestapelte Holzkisten wecken Neugier auf den feinen Inhalt, und eine dezente Beleuchtung sorgt für pure Wohlfühlatmosphäre. Den Schwerpunkt des Sortiments bilden Weine aus Bardolino, Valpolicella und Soave.

Die beiden erstgenannten Regionen stehen ganz im Zeichen des Rotweins. Corvina, Rondinella und Molinara lauten die klangvollen Namen der hiesigen Rebsorten. Während sie sich in gut gemachten Valpolicella-Weinen dicht, komplex und mit feinen Schwarzkirschnoten präsentieren, zeigen sie im Bardolino eine leicht beschwingte, geradezu durstlöschende Fruchtigkeit. Damit ist der Bardolino nicht nur am Abend, sondern auch schon während eines unbeschwerten Sommertages am Gardasee der ideale Wein zum Genießen und Entspannen. Davon überzeuge ich mich, als ich wenig später unter den schattenspendenden Oliven eines kleinen Cafés einen exzellenten Bardolino Classico zu mir nehme. Er stammt von der renommierten Veroneser Winzerfamilie Fratelli Pasqua, die mit ihren Weinen weit über das Veneto hinaus hohe Maßstäbe gesetzt hat.

Doch nun ist es Zeit aufzubrechen, denn in einer Stunde will ich Doriana und ihre Kollegen Roberto und Andrea treffen. Die drei gehören zur Mannschaft der Oleificio de Cisano, und die hat zur Abwechslung einmal nichts mit Wein zu tun. 1962 hatte Umberto Turri Italiens nördlichste Olivenölmühle gegründet. Direkt an der landschaftlich überaus reizvollen Staatsstraße Gardesana gelegen, bietet sie seither den Olivenbauern der Region die Möglichkeit, ihre Ernte zu verkaufen und zu hochwertigem Öl verarbeiten zu lassen. Heute umfasst der Betrieb neben der Ölmühle auch ein reizendes kleines Museum.

Punkt 14.30 knattert Andrea mit seiner roten Vespa auf den Hof, wo ich ihn bereits erwarte. Keine zwei Minuten später treffen auch Doriana und Roberto ein. Zur Begrüßung steht zunächst ein Rundgang durch das Museum an. Didaktisch gut aufbereitet und kurzweilig gestaltet gibt es hier jede Menge Informationen zur Geschichte des Olivenöls und zum Wandel seiner Herstellungsverfahren von der Antike bis zur Gegenwart. Zahlreiche Exponate, alte Pressen, Mörser und allerlei Handwerkszeug veranschaulichen die interessanten Informationen, bevor nun eine ausgiebige Verkostung ansteht.

Ein großer Korb mit Weißbrot steht bereit, und Roberto offeriert stolz das Sortiment des Hauses. Wir beginnen mit einem nativen Olivenöl extra, das sich in einem strahlenden Grün präsentiert. Sein feiner Duft zeigt Anklänge von frisch gemähtem Gras. Weiter geht es mit einem aromatisierten Zitronen-Olivenöl. "Während des Pressvorgangs geben wir ganze unbehandelte Zitronen hinzu", erläutert Roberto. "So verbinden sich die ätherischen Essenzen der Frucht mit dem Öl und rufen einen feinfruchtigen, erfrischenden Geschmack hervor." Ich nehme mir vor, dieses Öl später einmal zu einer Ziegenkäsecrème mit frischer Gurke auszuprobieren. Zum Höhepunkt der Probe wartet Roberto noch mit einer besonderen Spezialität auf: einem mit weißem Trüffel aromatisierten Öl. "Nur wenige Tropfen reichen, und Sie machen aus Fettucine oder Parmesanrisotto ein Traumgericht", verspricht Doriana

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Viel zu schnell vergeht die Zeit in der Oleificio de Cisano. Es heißt Abschied nehmen, denn am Anleger von Bardolino wird bald das letzte Boot des zu Ende gehenden Tages ablegen, um mich zurück nach Salò zu bringen. Bereichert um mannigfache Eindrücke und Genusserlebnisse und bepackt mit einigen feinen Erzeugnissen der Oleificio mache ich mich auf in Richtung Hafen.

Als ich später am Abend am Westufer des Sees den Tag Revue passieren lasse, nehme ich mir fest vor, bald wieder zu kommen nach Bardolino, wo es noch so unendlich viel zu entdecken gibt.

Dr. Rolf Lange

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