Lachaim heißt "Zum Leben" - Stationen einer Weinreise durch Israel

"Israel?!", erreichte mich die ungläubig formulierte SMS meines Freundes Florian, dem ich digitale Grüße aus Tel Aviv geschickt hatte, "Was machst Du da? Urlaub? Oder gibt's da etwa vernünftigen Wein?"

Florian war nicht der einzige, der so reagierte. Tatsächlich ist Israel auf der Landkarte vieler Weinfreunde noch weitgehend Terra Incognita. Dabei empfing uns das Heilige Land nicht nur mit guten, teilweise sogar begeisternden Weinqualitäten. Mehr noch: Es gewährte uns Einblicke in eine junge, äußerst dynamische Weinszene, die fest entschlossen ist, es ganz nach Oben zu schaffen.

Auf der Suche nach Identität

Wie überall in der mediterranen Welt hat auch in Israel der Weinbau Jahrtausende alte Wurzeln. Quellen aus römischer und phönizischer Zeit und nicht zuletzt das alte und neue Testament legen Zeugnis davon ab. Da wirkt es paradox, dass Israels Weinszene dennoch gerade erst auf der Suche nach ihrer Identität ist. Jahrhunderte lang hatten die Rebberge nämlich brach gelegen, weil die muslimischen Herrscher Palästinas dem Alkohol abschworen und sämtliche Reben roden ließen. So befindet sich heute vieles im Neuaufbau.

"Wir sind ein uraltes Weinland, und doch so jung", bringt es Roy Itzhaki, Weinmacher der Tulip Winery im Dorf Kvar Tikva im Anbaugebiet Carmel, auf den Punkt. "Wir hätten ja gerne eine typische einheimische Rebsorte, eine, die schon seit je her hier heimisch ist und die alle Weinfreunde sofort mit Israel identifizieren. Aber vom Weinbau aus alten Zeiten ist ja nichts übrig geblieben." So mussten sie wie alle ihre Kollegen im ganzen Land bei Null anfangen. Dabei konzentrierten sich Roy und sein Team zunächst auf die bekannten internationalen Rebsorten - und das mit beachtlichem Ergebnis, wie wir später feststellen werden.

Aber der Reihe nach: denn die Weine bei Tulip sind nicht das Einzige, das Eindruck hinterlässt. Schon zu Beginn unseres Besuches wird deutlich, dass wir uns hier an einem besonderen Ort befinden. Mit Kvar Tikva, zu Deutsch "Dorf der Hoffnung", liegt das Gut nämlich in einem Ort, der eigens dazu dient, Menschen mit geistiger Behinderung eine Heimat zu bieten: Eingebettet in sanfte, von niedrigem Buschwerk bestandene Hügel, fügt sich die Siedlung mit ihren flachen, beigefarbenen Bauten harmonisch in die Landschaft ein. Über den Ort verstreut liegen unterschiedliche Werkstätten und Betriebe, in denen die Bewohner ihren Fertigkeiten und Interessen entsprechend arbeiten. Und hier leben sie auch. Nathan ist einer von ihnen. Schon bei unserer Ankunft war mir der kleine, freundliche Mann mit dem bunten Harry-Potter-T-Shirt aufgefallen. Wir erfahren, dass er in der Flaschenabfüllung arbeitet. Dass er stolz auf seinen Job ist und auf den Beitrag, den er damit zur Produktion der Weine leistet, ist offensichtlich. Ich wünsche Nathan und all seinen Freunden viel Glück und Erfolg bei ihren Aktivitäten im "Dorf der Hoffnung".

Nach einer kurzen Führung durch die Kellerei geht es in den Verkostungsraum. Wir starten mit Weiß- und Roséweinen. Angetan bin ich von einem Sauvignon Blanc, der sich blitzsauber und mit einer geradezu knackigen Frische präsentiert, die ich im warmen Klima des Carmel-Gebiets so gar nicht vermutet hätte. Auch die Rotweine überzeugen: Ob Shiraz, Cabernet Sauvignon oder Merlot, die Weine weisen trotz opulenter Alkoholgehalte dennoch eine aromatische Finesse auf, die sie zu angenehmen Begleitern der gehobenen Küche macht. Ein Rotwein aus der Cabernet-Franc-Traube lässt mich aufhorchen. Diese alte französische Rebsorte stammt ursprünglich aus Bordeaux, wo sie allerdings nicht über die Rolle des Juniorpartners von Cabernet Sauvignon und Merlot hinauskommt. Doch Roy setzt große Hoffnung in sie. "Wir haben bislang noch nichts gefunden, was das Weinland Israel einzigartig macht. Guten Cabernet Sauvignon, Merlot oder Shiraz gibt es auf der ganzen Welt. Guten Cabernet Franc finden Sie aber nur sehr selten. Wir hier können ihn machen, denn unser Klima bietet die besten Voraussetzungen dafür." In der Tat präsentiert sich der Wein vielversprechend, sehr konzentriert und mit unverkennbaren Noten von dunklen Beeren und grünem Pfeffer.

"Schickt sich Cabernet Franc an, das Alleinstellungsmerkmal Israels zu werden?", notiere ich in meinem Reisetagebuch, zufrieden einer neuen Erkenntnis auf der Spur zu sein.

Von "Garagen" und "Boutiquen"

Doch so einfach ist die Welt nicht. Im Verlauf unserer Weinreise durch das Heilige Land werde ich erfahren, dass längst nicht alle auf den Cabernet Franc setzen. "Ich bin überzeugt, dass Shiraz in Israel am besten gelingen kann!", stellt beispielsweise Na'ama Mualem, die Weinmacherin der Dalton Winery im oberen Galiläa, fest. "Ich hoffe aber nicht", fährt sie fort, "dass sich eine einzige Rebsorte als die israelische Traube entpuppt. Es wäre riskant, alles auf eine Karte zu setzten. Wir sollten lieber eine breite Palette unterschiedlicher Sorten und Stile anstreben."

Tsina Avidan vertritt eine dritte Meinung. "Wir sind Anrainer des Mittelmeers. Schauen wir doch zunächst auf Sorten, die andere mediterrane Länder anbieten!" Deshalb spielen bei ihr neben den atlantischen Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot & Co. auch mediterrane Trauben wie Carignan und Grenache eine wichtige Rolle. Und wirklich: ihre Carignan-Grenache-Cuvée ist ein beeindruckender Rotwein. Er überzeugt durch vielschichtiges Aromenspiel und einen Nachhall von enormer Länge. "Als ich die Trauben erntete, begann ich zu tanzen!", strahlt Tsina Avidan über das ganze Gesicht. "Sie waren einfach perfekt gereift!" Ob sie da schon ahnte, dass ihr der Wein wenig später eine Silbermedaille bei einem internationalen Wettbewerb einbringen würde?

Zweifellos gehört Tsina zu den ungewöhnlichsten Persönlichkeiten in Israels Weinszene. Von Haus aus erfolgreiche Architektin, belegte sie erst vor einigen Jahren aus einer Laune heraus einen Kurs für Hobbywinzer. Sie entdeckte ihr Talent - und ihre wahre Leidenschaft. Bald nach dem Kurs kaufte sie sich ein kleines Barriquefass und begann aus zugekauften Trauben ihren ersten Wein zu vinifzieren und auszubauen. 300 Flaschen füllte sie ab. Freunde und Bekannte rissen sie ihr förmlich aus den Händen. Ein nächstes Barrique musste her, dann noch eins, dann ein weiteres. Unversehens war aus der etablierten Architektin eine aufstrebende Winzerin geworden.

Im Kibbuz Eyal mietete sie einen niedrigen Lagerschuppen, kaum größer als ein kleiner Handwerksbetrieb. Üppige Bougainvilleen umranken die grob gezimmerte Eingangstür. Im Vorraum steht ein kleiner Verkaufstresen, an den unverputzten Wänden hängen Urkunden über Medaillen, mit denen Tsinas Weine in den letzten Jahren ausgezeichnet worden sind. In der Ecke stapeln sich Gläserkartons. Hier geht es nicht um Ästhetik, alles ist auf Funktionalität ausgerichtet. In einem kleinen angrenzenden Raum ist ein improvisiertes Labor untergebracht. Neben Laborutensilien hängt ein ausgefranster Strohhut an der Wand.

Tsinas Reich ist das, was man auch als "Garagenweingut" bezeichnet, ein kleiner, meist von enthusiastischen Seiteneinsteigern geleiteter Betrieb, der unter einfachsten Bedingungen Weine hervorbringt, die Kenner zum Schwärmen bringen und nicht selten Kultstatus erlangen.

Im Barriquelager ist eine lange Tafel aufgebaut. Hier wird verkostet. Wir probieren uns durch die verschiedensten Stile und Rebsorten. Neben besagten Carignan und Grenache sind darunter auch opulente Rote aus Cabernet und Shiraz. Und dann staune ich nicht schlecht, als Tsina Avidan uns einen reinsortigen Pinot Noir kredenzt. Weine dieser Sorte sind sonst eher in kühlen Gefilden anzutreffen, etwa Burgund, dem nördlichen Kalifornien oder Deutschland. Aber Pinot Noir gilt nun mal als besondere Herausforderung für viele Winzer, zumal für Tsina, die einen Teil ihres Lebens in Frankreich verbracht hatte und weiß, welchen Hochgenuss ein gut gelungener Pinot Noir bietet. "Ich konnte einfach nicht widerstehen", gibt sie zu, "wenigstens einmal in meinem Leben musste ich Pinot Noir vinifizieren - und", fügt sie verschmitzt an, "ich habe mich in ihn verliebt!". Wir können sie gut verstehen. Hoffentlich bleibt es nicht bei diesem einen Mal.

Das mit dem Pinot Noir sieht Yair Margalit ganz anders. "Außerhalb Burgunds sollte man diese Sorte gar nicht erst anbauen", hatte er mich bereits vor einigen Wochen bei einem Gespräch am Rande der ProWein in Düsseldorf in Erstaunen versetzt. Als wir nun im Wintergarten seines Privathauses ganz in der Nähe des historischen Hafens von Caesarea beisammen sind, relativiert er seine Aussage. Natürlich gebe es auch anderswo ganz gute Pinots, aber Israel böte der hoch gelobten Edelrebe definitv nicht die geeigneten Terroirs.

Mit seinen 73 Jahren ist Yair Margalit die graue Eminenz in Israels junger Weinszene. Auch er war erst spät zum Wein gekommen. Als langjähriger Chemieprofessor im kalifornischen Davis leitete er sein Institut in direkter Nachbarschaft zur berühmten Fakultät für Önologie. Das weckte sein Interesse. Er begann sich mit der Vinifikation zu beschäftigen und schrieb ein weltweit beachtetes Fachbuch über die chemischen Abläufe während der Gärung und Reifung. In den achtziger Jahren ging er zurück nach Israel und gründete die ersten "Boutique Winery" im Heiligen Land. So nennt man kleine Güter mit sehr geringer Produktion aber höchstem Qualitätsanspruch. Weniger als 30.000 Flaschen füllt er pro Jahr ab. Die aber haben es in sich.

Unterstützt von seinem Sohn Asaf, der entspannt neben seinem Vater am Kopf unserer Tafel sitzt, gewährt uns Professor Margalit Einblicke in seine Philosophie und präsentiert dabei seine großartigen Weine. "Ich bin dagegen, Weinstöcke zu bewässern", verkündet er leichthin. Als er unsere fragenden Gesichter sieht, huscht ein Lächeln in seine hellwachen Augen. "Natürlich werden Ihnen viele hierzulande erzählen, dass es in Israel zu heiß und zu trocken ist, um ohne künstliche Bewässerung auszukommen. Aber als unsere Vorfahren vor 3000 Jahren Reben kultivierten, hatten sie auch keine Bewässerungsysteme zur Hand. Trotzdem haben sie Wein gemacht."

Bei seinen Rotweinen dreht sich alles um die Bordeauxsorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot: Die Weine zeigen sich von dichter Farbe, funkeln je nach Reifegrad purpurviolett bis rubinrot. Komplex und ausdrucksstark ist das Aromenspiel, das hier von Cassis und Paprika, dort von Zedernholz und Vanille zeugt. Andächtig schnuppern und kosten wir, fachsimpeln mit Yair und Asaf, als dieser unvermittelt aufsteht und in den Garten schlendert.

Mit einer Handvoll Pitangos, die er frisch von einem Baum gepflückt hat, kommt er zurück. Lässig lässt er die etwa kirschgroßen, roten Früchte über den Tisch rollen. Sie schmecken angenehm säuerlich und erfrischend.

Säure und Frische sind übrigens auch die Eigenschaften, die Asaf am Wein besonders faszinieren. Kein Wunder, dass er sich für jene Rebsorte begeistert, die diese beiden Attribute im Übermaß aufweist: den Riesling. "Ich plane hier Riesling anzubauen", verkündet er allen Ernstes. Sein Vater zieht kaum merklich eine Augenbraue hoch. "Bei Euch in Deutschland habe ich so viele wunderbare Rieslinge getrunken, ich muss das einfach probieren!" "Ich glaube nicht, dass das funktioniert", hält Vater Yair dagegen, "viel zu heiß!" Aber in einigen Wochen verabschiedet der Professor sich ohnehin für ein Jahr von Israel. Kalifornien ruft mal wieder. "Dann macht mein Sohn sowieso, was er will", fügt er mit freundlich grinsendem Seitenblick in dessen Richtung an. "Dann werden wir ja sehen, ob es funktioniert. Vielleicht hat er ja Recht." Und während ich Asafs ruhig-entschlossenem Blick begegne, traue ich ihm glatt zu, dass er sein Riesling-Projekt zu einem guten Ergebnis führt.

Mein Reisetagebuch füllt sich mit Eindrücken und Informationen. Allein, die Frage nach der israelischen Wein-Identität, ist noch immer nicht beantwortet. Zu viele unterschiedliche Überzeugungen und Ansätze sind mir in den letzten Tagen begegnet. Vielleicht ist es ja das, was man vorerst als typisch israelisch bezeichnen kann: Die Weinszene gleicht einem Patchwork, das aus vielfältigen Weinphilosophien gewebt ist. Sie alle sind getragen von der Begeisterung für gute Qualität und dem Willen, diese Tag für Tag ein Stückchen besser zu machen.

Wir beschließen den Abend mit einem köstlichen Fischmenü im Hafen von Caesarea. Natürlich haben wir auch einige Flaschen unserer Gastgeber dabei. "Lachaim!", bringen wir wieder und wieder Toasts auf Tsina, Yair, Asaf und all die anderen aus, die uns nicht nur mit ihren Weinen, sondern auch mit ihrer Gastfreundschaft tief beeindruckt haben. Wörtlich übersetzt bedeutet das hebräische Wort für Prosit "Zum Leben!" Lachaim! Mögen sie ihren Weg unbeirrt fortsetzen!

Dr. Rolf Lange