Frühling mit Silvaner:
Eine Rebe feiert ihr 350. Jubiläum

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Kaum ist der Frühling angebrochen, feiert die Rebsorte Silvaner ihr 350. Jubiläum. Am 5. April 1659 schickte der Amtmann des damaligen Grafen von Castell in Franken einen Boten ins nahe Obereisenheim, um von einem Rebhändler 25 Setzlinge Österreicher zu holen, wie man den Silvaner damals nannte. Dafür musste er 8 Schilling und 3 ½ Pfennig berappen, doppelt soviel wie für gängige Sorten. Am drauffolgenden Tag wurden sie in der Lage Schlossberg gesetzt, die allerersten, schwarz auf weiß bezeugten Silvaner-Stöcke auf deutschem Boden. Natürlich wird das in diesem Jahr gebührend gefeiert. (Informationen: www.frankenwein-aktuell.de)

Um den Frühling zu begießen, ist Silvaner bestens geeignet. Denn eine seiner vielen Facetten besteht darin, dass er bei mehr als gutem und regelmäßigem Ertrag leichte, unkomplizierte, angenehm florale und fruchtige Weine liefert mit einer typisch milden Säure. Letztere hat er dem Österreichisch Weiß zu verdanken, einer autochtonen Sorte unseres Nachbarlandes. Der andere Elternteil, das weiß man heute, war der Traminer. Seine Wiege stand irgendwo zwischen Donau und Alpen, und keineswegs in Transsylvanien, wie es sich einige Rebromantiker erhofften. Dass der Grüne Silvaner so leicht seinen Weg von dort nach Franken fand, lag am Kloster Ebrach, ebenfalls eine frühe Anbaustätte deutschen Silvaners. Dessen Zisterzienser, bekanntlich große Wein- und Weinbauexperten, hatten zahlreiche Ordens-Ableger in Österreich gegründet, mit denen sie einen regen Austausch pflegten.

Seiner Wuchskraft und Fruchtbarkeit verdankte der Silvaner eine erstaunliche Expansion. Von Franken aus eroberte er vor allem Rheinhessen, die Nahe, Württemberg, Baden, die Pfalz und auch Saale-Unstrut. Schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hatte er es zur meist gepflanzten Rebsorte in Deutschland gebracht und noch in den 1970er Jahren stellte er fast jeden dritten Rebstock. Seither ist seine Bedeutung mengenmäßig geschrumpft und heutzutage ist er mit einem Anteil von rund 5% der deutschen Gesamtrebfläche auf den fünften Rang zurückgefallen.

Nachdem Castell und Ebrach den Anstoß gegeben hatten, entwickelten die Franken zum Silvaner eine besondere Beziehung, so dass man ihn als ihren typischsten Wein ansieht. Im letzten halben Jahrhundert behauptete er sich zwischen Main und Steigerwald immer auf einem guten Fünftel der fast stabilen um 6.000 Hektar Anbaufläche, auch wenn ihn mengenmäßig der bescheidene Müller-Thurgau in den Schatten stellte. In letzter Zeit zeigt der Anbau deutlich positive Tendenzen. Den fränkischen Winzern ist bewusst geworden, zu welcher Klasse Silvaner auf ihren Böden aus Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper auflaufen kann, wobei er immer seinem Terroir klaren Ausdruck verleiht. So bringt er es einerseits zum herrlich süffigen Frühlingswein - welch ein Gedicht mit Spargel! - , aber er übertrifft sich, wenn er auf hochwertigen Verwitterungsböden volle Reife erlangt. In Lagen wie Würzburger Stein oder Innere Leiste, Randersacker Pfülben oder Sonnenstuhl, Escherndorfer Lump oder Iphofener Julius-Echter-Berg, Homberger Kallmuth oder Rödelseer Küchenmeister ergibt der Silvaner vor allem großartige, trockene Spätlesen, die durchaus lan-ge reifen können und sich vollmundig, körperreich und sehr vielschichtig zeigen. Rar, aber herausragend sind edelsüße Spezialitäten.

weisswein-glassKein Weinbesuch in Franken ohne Würzburg. Denn die fränkische Kapitale ist eine Weinstadt par excellence. In welcher Stadt gibt es drei historische Weingüter von solcher Größe und Güte wie das Bürgerspital zum Heiligen Geist, das Juliusspital und den Staatlichen Hofkeller? Das Bürgerspital wurde 1319 gegründet, um pflegebedürftigen Menschen zu helfen, eine Aufgabe, der es noch heute nachkommt, dank des Einkommens aus dem 110-Hektar-großen Weingut, das in einem malerischen Hof an der Theaterstraße residiert. Zu seinem Besitz zählt die Stein/Harfe, das Herzstück der berühmten Lage Stein, die den Stadtkern überblickt. Seine Weine reifen in 200 großen, alten, teils reich beschnitzten Eichenfässern in einem unbedingt sehenswerten Gewölbekeller. Mit dem kann allerdings der 250 Meter lange Fasskeller des Juliusspitals durchaus konkurrieren, der sich unter dem berühmten Fürstenbau aus dem Jahre 1699 erstreckt. Mit 170 Hektar stellt es nicht nur das zweitgrößte, sondern auch eines der besten Weingüter Deutschlands dar, nicht zuletzt dank seiner herausragenden Silvaner.

Der Staatliche Hofkeller überflügelt seine nahen Kollegen noch an Grandezza, denn er befindet sich im Innern der Würzburger Residenz, dem ehemaligen Sitz der Fürstbischöfe, einem der größten und prächtigsten Barockschlösser Europas. Seinem Baumeister Balthasar Neumann hatte Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn 1719 ans Herz gelegt, dass er darunter einen "vorzüglichen Weinkeller" erwarte. In dem weitläufigen unterirdischen Reich befinden sich gleich fünf großartige Kellergewölbe. Darin illustriert die gelungene Verbindung von modernem Design mit historischer Bausubstanz die Philosophie des Weingut-Teams, das temperaturkontrollierte Gärung in Edelstahltanks mit fein abgestimmtem Fassausbau verbindet. Mehr noch, zahlreiche Veranstaltungen geben Gelegenheit, die Weine von den 120 Hektar eigenen Lagen in einem der schönsten Weinkeller der Welt zu genießen.

Doch zurück zum Frühling. Machen wir einen Sprung zu den anderen Spezialisten des Sylvaners (sic), den Elsässern. Allerdings zählte er hier nicht zu den vier edlen Sorten Riesling, Gewurztraminer, Muscat und Pinot Gris, auch wenn er jetzt für einige Grands Crus akzeptiert wird. Im Allgemeinen wird er als sympathischer trockener Alltagswein gehandelt. Von heller, leicht grünlicher Farbe spielen in seinem Bukett weiße Blüten, Zitrusnoten, bisweilen frische Kräuter, bei reiferen Trauben Pfirsich und Birne die Hauptrollen, während er angenehm frisch und fruchtig schmeckt mit gerade der kleinen Rundheit, die es braucht, damit er nicht aneckt, sondern besonders süffig ist. So mag man ihn zum Choucroute, zu Sülzen und Terrinen und zu Quiches, doch im Frühjahr besonders gern zu Meeresfrüchten und Fisch, aber eben auch zu Spargel und frischen Gemüsen.

Warum sollte man mit dem Silvaner oder Sylvaner nicht unbeschwerten Spaß haben, schließlich ist dieser Charme eine seiner Qualitäten? Doch sollte man nicht verkennen, dass er in den richtigen Händen und auf den richtigen Lagen zu einem ganz großen eigenständigen Weißwein heranreift, der sich neben dem Riesling als die zweite herausragende weiße Rebsorte Deutschlands behauptet. Und solch große Weine schmecken zu allen Jahreszeiten und zu großen Anlässen. Wie dem 350. Jubiläum.

stimmung-landschftAndré Dominé

 

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