Aus der Weinlese lesen
Ich komme gerade aus der Weinlese, der Rücken ist steif, aber zum Glück schnitt ich mir nicht in die Finger. Das geschieht leicht und widerfuhr den meisten Mitgliedern meiner „colle“, wie man die Lese-Equipe im Roussillon nennt, obwohl die Scheren abgerundet sind.
Syrah wächst an langem Holz und wird an Spanndraht erzogen wie inzwischen viele andere Rebsorten auch. Dann wachsen die Trauben mit einem vernünftigen Abstand zum Boden, so dass sie gut belüftet werden, vorausgesetzt der Winzer hält den Ertrag in Zaum. Frei zu hängen, nicht an Nachbartrauben anzustoßen, gibt ihnen einen gewissen Schutz gegen die im Weinbau gefürchteten Pilzkrankheiten, den Falschen oder Echten Mehltau, die die Beeren verderben, zumal dann, wenn – wie im Roussillon – oft ein trockener, gesunder Wind weht. Wir schneiden die Trauben ab und legen sie in kleine Plastikkisten, in denen in der Regel 10 bis 12 Kilo Platz finden, ohne zerquetscht zu werden. Denn wer wirklich gute Weine machen will, benötigt gesunde und unversehrte Weinbeeren. Unsere Syrah sieht bilderbuchhaft aus. So ideal geht es keineswegs immer zu. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da spielt natürlich das Klima der Anbauregion generell und vor allem das Wetter direkt vor und während der Lese eine wesentliche Rolle. Wo es nass ist, entwickelt sich schnell Fäule und besonders zügig geht dies vor sich, wenn die Trauben auf die Reife zusteuern. Nun zeigt es sich, wie gut der Winzer während des Jahres gearbeitet und wie gut er seinen Weinberg geschützt hat. War er nachlässig, wird er nun mit Trauben konfrontiert, die nicht einwandfrei sind. Dabei können ganze Trauben verdorben, verfault oder bereits eingetrocknet sein. Für den Weinleser stellen sie kein Problem dar, er verzichtet auf sie. Problematisch wird es, wenn die Trauben teilweise befallen sind. Dann hängt es von der Arbeitsweise und vom Qualitätsanspruch des Winzers ab, wie man damit umgeht. Einige schließen davor schlicht die Augen, lassen alles abernten und überlassen den Önologen das Problem, daraus einen trinkbaren Wein zu machen. Andere weisen ihre Lesehelfer an, die Trauben schon im Weinberg von Beeren zu befreien, die sie selbst nicht essen würden. Wieder andere nehmen die Sortierung des Leseguts vor der Kellerei vor. Verblüffend ist das Lesen in einer Region, in der verschiedene Rebsorten angepflanzt werden. Man mag schon oft in Büchern oder Zeitschriften auf die Unterschiede z.B. von Riesling und Sylvaner, von Chardonnay und Sauvignon, von Nebbiolo und Sangiovese, von Tempranillo und Garnacha, von Syrah und Cabernet hingewiesen worden sein. Wer auf sie in der Weinlese stößt, glaubt kaum seinen Augen. Nicht nur, dass jede Sorte sich in der Form und Farbe ihrer Beeren und Trauben unterscheidet, jede verhält sich anders. Einige mögen sich domptieren lassen und liefern so gleichmäßige Trauben wie unsere Syrah, aber andere entwickeln Trauben unterschiedlicher Größen und auch Reifegrade. Manchmal leuchten bei weißen Sorten die der Sonne zugewandten Beeren in vollstem Gold oder gleichen sogar schon Rosinen, während die auf der Schattenseite noch knackig grün ausschauen. Einige lassen sich mit einem Knips vom Rebstock abschneiden, bei anderen muss man ins Laub eintauchen, um den Stengelansatz aufzuspüren. Manche Sorten haben kompakte Trauben, bei denen sich die Beeren aneinanderpressen – Achtung: Fäulnisgefahr –, andere sind lockerbeerig. Bei manchen ist eine Beere wie die andere, bei einigen gibt es große und kleine, reife und unreife in der einzelnen Traube. Wunderbare Vielfalt, die schon einen Vorgeschmack darauf vermittelt, wie unterschiedlich die Weine ausfallen werden. Oft wird heute mit der Maschine gelesen, denn die ist günstiger, schneller und manchmal die einzige Alternative, wenn es nicht genügend Arbeitskräfte gibt. Die Maschine kann man einsetzen, wann man will, z.B. nachts, um die Trauben kühl einzubringen. Sie schlägt mit Stäben auf die Rebstöcke ein, damit die Beeren von den Strünken geschüttelt werden. Je schneller sie fährt, desto härter wird geschlagen, desto größer die Schäden an den Reben, die dann manchmal wirklich „zusammengeschlagen“ aussehen. Doch kann man heute bereits relativ sanft mit den Lesemaschinen arbeiten und gute Resultate erzielen, nur eins eben nicht: keine unversehrten Trauben. Die aber braucht man für hochwertige Schaumweine, aber auch viele auf beste Qualität ausgerichtete Winzer möchten selbst entscheiden, ob sie z.B. eine Ganztraubenpressung beim Weißwein oder eine Maischegärung mit oder mit nur z.T. entrappten Trauben durchführen oder nicht. Unbeschädigte und gesunde Trauben bieten den Vorteil, dass die Schwefelung beträchtlich reduziert oder ganz vermieden werden kann. So kann man sehr eigenständige und zugleich besonders bekömmliche Weine erzeugen. Was mag aus den Trauben dieser Lese werden? Wird es ein großer Jahrgang? Wird es sich lohnen, davon ein paar Flaschen zur Seite zu legen? Je direkter man die Lese verfolgt, um so gespannter ist man auf das eigentliche Resultat: den fertigen Wein. Während man bei manchen großen Weißen und Roten noch lange, nämlich mindestens eineinhalb Jahre warten muss, bis man sie probieren kann, werden die frühesten Kinder des neuen Jahrgangs schon ab dem 3. Donnerstag im Oktober greifbar sein, die Primeurs unter den Landweinen, denen einen Monat später die Appellationen folgen. Sie vermitteln nicht nur einen ersten Eindruck des Jahrgangs, mit ihrer intensiven, frischen Frucht fangen sie Heiterkeit und den Spaß der Jugend ein – ein Lichtblick an trüben Herbsttagen. Für den Winzer ist die Weinlese der Höhepunkt des Jahres, denn er bringt buchstäblich die Früchte seiner Arbeit ein. Wo mit der Hand und in einer kleinen Gruppe von nicht mehr als zwei Dutzend Leuten gelesen wird, ist sie trotz steifem Rücken und schmerzenden Fingern immer noch ein Fest. Oft geht es hoch her mit Scherzen, Witzen und Liedern, um sich gegenseitig aufzumuntern und man hockt zusammen zum zweiten Frühstück und am Mittag, um sich zu stärken und einen guten Schluck Wein zu genießen. Falls der Wetterbericht kein andauerndes Hoch verspricht, bleibt der Winzer angespannt. Solange die letzten Trauben noch nicht im Keller sind, kann die Natur noch immer übel dazwischen funken und mit Regen und Hagel alle Qualitätswünsche zunichte machen. Während weiter Trauben zum Keller gekarrt werden, hat der erste Most schon zu gären begonnen. Ihm schmeckt man an, wie süß und/oder sauer die Trauben waren und er ließe sich leicht in großen Schlucken trinken, würde er nicht die Verdauung so stark anregen. Dennoch bleibt er im Charakter nur ein frischer Most mit viel Frucht, aber ohne Tiefgang. Nur weckt er unweigerlich den Wunsch auf den neuen Wein.
André Dominé









